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| a | . | Phantasie statt Mathematik | |||||
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Oft
geben wir Menschen uns
naiver als wir sind. Wir bewundern die Farben des Herbstlaubes, eines
Schmetterlingsflügels, des hoch aufgelösten Fernsehbildes,
obwohl wir wissen
(könnten), dass diese Farben nur in unserer Phantasie existieren.
Über unsere
Augen empfangen wir Lichtwellen oder – teilchen, so genau wissen wir
das noch
nicht, deren völlig farblose Eigenschaften wir farbgebend
interpretieren. Wären
unsere Sinnesorgane anders gebaut, könnten wir Farben riechen oder
schmecken
oder fühlen. In jedem Fall aber entstehen die Farben erst in
unserem Hirn. Überhaupt
neigen wir dazu,
das uns zugängliche Abbild der Welt nicht für ein Bild,
sondern für die
Realität zu halten. Viele Jahrtausende brauchten wir Menschen, um
hinter dem
Augenscheinlichen die wirkliche Gestalt, Funktion, Struktur zu
entdecken. Wie
das Kleinkind mühsam lernt, die ihn umgebenden Gegenstände zu
entseelen und
nicht länger den bösen Stein, sondern die eigene
Unachtsamkeit für den Schmerz
verantwortlich zu machen, lernt die Menschheit, Bedingungen,
Verhältnisse an
Stelle von Göttern als Ursachen zu verstehen. Am hinderlichsten
für diesen
gerade erst beginnenden Prozess ist die Tatsache, dass sich jeder
Mensch als
Mittelpunkt des Universums dünkt. So war es ein Schock für
die Menschheit, als
nach Jahrtausenden vergeblichen Rechnens nicht länger die
Gewissheit aufrecht
zu erhalten war, Sonne und Sterne würden sich um unsere Erde
drehen. Und noch
lange nicht überwunden ist der Schock, als unsere Abstammung von
Tieren nachweisbar
wurde. Nicht nur Naturschützer haben noch immer nicht begriffen,
dass wir
Menschen ein Teil der Natur sind. Ihre Anmaßung des Schutzes
setzt eine
existentielle Kluft zwischen Natur (als Objekt) und Mensch (als
Subjekt)
voraus. Als nächstes wird die Illusion vom freien Willen platzen. Obwohl
wissenschaftliche
Erkenntnisse uns in immer kürzeren Abständen zwingen,
herrliche Vorstellungen
über uns zu revidieren, empfinden wir uns weiterhin als
übernatürlich und Maß
aller Dinge. Weil wir als Menschen die Erfahrung des Geborenwerdens und
Sterbens machen, muss es die Endlichkeit geben, und wenn auch die
absurde
Theorie der Schöpfung nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, muss
halt die nicht
weniger absurde Theorie vom „Urknall“ als säkularisiertem
Schöpfungsakt
herhalten. Und weil wir nichts begreifen können ohne Ordnung,
klammern wir uns
an die Vorstellung, die Natur, die Materie seien ordentlich. Und weil
wir in
Frieden leben wollen, suchen wir nach Sinn und Harmonie auch in der
Materie.
Wie ein Frosch am Tümpelrand oder eine Mücke an der
Schlafzimmerdecke nehmen
wir die Welt, den Kosmos, die Materie nach unseren gattungsspezifischen
Möglichkeiten wahr, doch im Unterschied zu Frosch und Mücke
beherrscht uns der
Wahn, unsere subjektive Wahrnehmung sei objektive Erkenntnis. Gewiss
ist nichts dagegen
einzuwenden, wenn wir Menschen entsprechend unseren Möglichkeiten
Ordnungskriterien verwenden, um zu vermessen, zu kategorisieren, zu
vergleichen. Zahlen sind durchaus hilfreich, um sich über Mengen
zu
verständigen, Maße wie Fuß, Elle oder Meter helfen,
Entfernungen und Räume zu
bezeichnen, und die Zeit ist eine Voraussetzung für höher
entwickeltes soziales
Leben. Das Problem an Zahl, Maß oder Zeit ist auch nicht, dass
sie nicht
wirklich, nur als Substantive existieren, als Symbole, die der
menschliche
Geist sich schuf, um seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Ordnen,
nachgehen zu
können. Lächerlich ist auch noch nicht, dass diese Symbole
aus der menschlichen
Erfahrungswelt abgeleitet wurden und entsprechend kleinkariert oder
überdimensioniert sind. Selbstverständlich könnten wir
das Jahr nicht nach der
(leider sich verändernden) Umlaufdauer der Erde um die Sonne (oder
immer noch
gefühlt: der Sonne um die Erde) messen, sondern dem Jahr die
Umlaufdauer der
Sonne mit all ihren Trabanten, also auch der Erde, um den Mittelpunkt
der
„Milchstraße“ (220 Millionen Jahre ca.) zu Grunde legen.
Abgesehen davon, dass
dann kein Mensch auch nur seinen ersten Geburtstag erleben würde,
was der
entgangenen Geschenke wegen schade wäre, würde sich
außer Kommastellen nichts
ändern. Obwohl
also
Orientierungsmittel wie Zahl, Länge, Zeit für die
Kommunikation vielleicht
sogar notwendig sind, könnten uns schon Linguisten ihre Grenzen
aufzeigen:
Während Baum, Haus, Frau, Mann Gattungsbegriffe sind, denen jeder
Sprechende /
Hörende jeweils konkrete Vorstellungen zuordnen kann, hat noch
niemand die
„Zeit“ gesehen, geschweige denn angefasst. Trotzdem sie angeblich
„fließt“, ist
sie doch nur Teil einer vom Menschen erfundenen Symbolwelt (Elias) und
nur
vorhanden, solange es Menschen gibt. Wenn die Menschheit verschwindet,
gibt es
keine Vergangenheit und Zukunft mehr, sondern nur das Sein. Denn die
Materie
ist zeitlos. Das bedeutet freilich, dass es ohne Menschen auch all jene
Erscheinungen nicht gibt, die wir mit Hilfe der Zeit erklären, z.
B. die
Geschwindigkeit. Da sich jedoch die Materie bewegt auch ohne Menschen,
muss
unsere Vorstellung von Geschwindigkeit falsch sein. Dies
zu verstehen, fällt uns
nicht leicht. Denn wider besseren Wissens glauben wir immer noch, dass
die
Außenwelt so ist, wie wir sie erleben. Da wir selbst sterblich
sind, muss auch
sie für uns einen Anfang und ein (gerne verdrängtes) Ende
haben. Weil jeder
Mensch geboren wird und sterben muss, glauben auch die meisten
Naturwissenschaftler
an die Geburt und den Tod der Materie. So weiß einer der
klügsten Zeitforscher
sehr wohl, dass es in der unbelebten Natur kein Jetzt, keine Zukunft,
keine
Vergangenheit gibt (Julius T. Fraser, Die Zeit, S. 298), und fährt
doch völlig
naiv fort: „Bald nach dem Urknall ...“ Unüberschaubar
ist die Menge
falscher Annahmen, die aus der Verallgemeinerung menschlicher
Anschauung
resultiert. Nur bemerken wir das kaum ohne Not, weil wir zu gerne der
dümmsten
aller Meinungen, dem „Selbstverständlichen“, vertrauen. Daher muss
es, da wir
noch nur ordnend denken können, eine Ordnung auch in der
Außenwelt geben. Also
zählen und messen und kategorisieren wir, wobei die
Unerträglichkeit einer
Sinnlosigkeit (richtiger: das Fehlen eines uns nachvollziehbaren Sinns)
uns dazu
verführt, wahrgenommenen Veränderungen eine Zielgerichtetheit
anzudichten.
Geschichtsvergessen glauben wir immer noch an die Exaktheit, vor allem
an die
objektive Gültigkeit der modernen Naturwissenschaften, obwohl
schon Max Weber
ihre Ursprünge in der Bereitschaft des protestantischen
Asketizismus sah, die
Welt auf der Grundlage der Mathematik zu verstehen. Frech verweist er
auf die
ideologischen Determinanten, wenn er die Physik und alle anderen
Naturwissenschaften, die Mathematik benutzen, die
„Lieblingswissenschaften
aller Puritaner, Baptisten oder Pietisten“ nennt. (Zit. N. Fraser, S.
349) Doch
auch ihre Irrtümer
können produktiv sein. So zwingen uns die Ergebnisse der
Erbsenzählerei und des
Puzzlelegens gelegentlich dazu, selbstverständlich gewordene
Gewissheiten in
Frage zu stellen. Zunächst versuchen wir, traditionelle
Vorstellungen durch die
Einführung komplexerer Parameter zu retten, z. B. durch die
Einführung immer
komplizierterer Kreisbahnkombinationen von Sonne und Sternen um die
Erde (s. dazu
http://www.pawek.de/Zeitvertreib.htm), bis ein „Verrückter“ trotz
Hohn und
Spott der noch normativen Wissenschaftler sich traut, die Dinge
beweiskräftig
zurechtzurücken. Manchmal hilft zur Erhaltung überkommener
Systeme nur noch die
Erfindung absurder, weil nicht systemkonformer Festlegungen. Dies war
z. B. der
Fall in der Mathematik, dieser Errungenschaft des menschlichen
Krämergeistes,
als deren Entwicklung die Einführung der Null und des Unendlichen
notwendig
machte, deren Formelhaftigkeit nur mühsam ihre Fremdheit,
Unverständlichkeit
für das menschliche Denken und somit auch Widersprüchlichkeit
zur Symbolwelt
endlicher Zahlen kaschiert, in der bekanntlich jede ganze Zahl „gerade“
oder
„ungerade“ ist. Null und Unendlich sind als ganze Zahlen definiert,
trotzdem
macht sich lächerlich, wer sie „gerade“ oder „ungerade“ nennt.
Also schweigt
der kluge Mathematiker zu diesem Problem und schafft andere per Gesetz
aus der
Symbolwelt: Erlaubt ist es, jede Zahl mit Null zu multiplizieren,
verboten soll
jede Division durch Null sein. Hierbei erkennt auch der Laie, wie
Wissenschaft
zur Willkür wird. Auch
mit der „Zeit“ kamen
wir ins Schleudern, als Einstein nachwies, dass Reisende, die sich mit
annähernder Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, bei ihrer
Rückkehr auf die Erde
jünger sein werden als die Daheimgebliebenen. Wir mussten Objekte
wie die
Photonen zur Kenntnis nehmen, in deren „Umwelt“ es keine Zeit und keine
Entfernung gibt, weil sie azeitlich und aräumlich sind oder
einfacher, weil sie
nicht unserer Symbolwelt entstammen. Schwarze Löcher wurden
entdeckt, die
unsichtbar sind für uns, weil ihre Materie- und Energiedichte kein
Licht
entkommen lassen und die alles schlucken, was in ihre Nähe kommt.
Am
erschreckendsten aber für alle Konservativen ist die Tatsache,
dass nichts an
der Erde, im Kosmos, in der Materie stabil ist, schon gar nicht die
Zeitskala.
Doch nicht in einem Aufsatz für seine Kollegen Wissenschaftler,
sondern in
einem Kondolenzbrief bekannte Einstein: „Für uns gläubige
Physiker hat die
Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die
Bedeutung einer
wenn auch hartnäckigen Illusion.“ (Albert Einstein – Michael Besso
Correspondence, Paris 1972, S. 638) Leider
war auch Einstein
nicht radikal genug. Er wagte nicht zu erkennen, dass Zahlen,
Maße, Zeiten als
Produkte menschlicher Vorstellungen zwar die menschliche Umwelt
quantifizierbar
machen für uns, aber deswegen noch lange nicht ausreichen, die
Materie zu
begreifen. Dazu müssten wir fähig werden, unser Denken von
unseren menschlichen
Bedingungen zu lösen, uns von uns selbst zu distanzieren, unser
Denken zu
objektivieren. Wie
schwer dies den Menschen
fällt, lässt das folgende Beispiel ahnen. Noch bis vor kurzem
galt
uneingeschränkt in der Physik die Annahme, dass die Beobachtung
bei der Messung
von Realität keine Rolle spielt. Seit der Entdeckung des
Wirkungsquantum aber
wissen wir, dass diese Annahme nicht nur falsch ist, sondern,
verwirrender
noch, dass ein mikroskopisches Teilchen unmöglich beobachtet
werden kann, ohne
es einer Störung auszusetzen. Obwohl
diese Feststellung
unter Physikern nicht mehr umstritten ist, stellt keiner von ihnen die
naheliegende Frage: Wenn bereits die Beobachtung ein Teilchen
verändert, um wie
viel mehr muss dann der menschliche Maßstab, das aus der
menschlichen
Symbolwelt stammende Koordinatensystem einem Filter vergleichbar die
Ergebnisse
manipulieren? Den Verdacht haben einige Physiker, auszusprechen wagt
ihn meines
Wissens keiner, würde doch seine Verifizierung die
Unzulänglichkeit auch der
modernen Physik beweisen. Oft
verraten unsere Begriffe
die Unzulänglichkeit unseres Denkens. So sprechen wir von
Zellteilung, obwohl
niemand, nicht einmal die Materie, ein Ganzes in mehrere Ganze teilen
kann.
Zellen reproduzieren, vermehren sich, gebären neue Zellen, doch
ganz gewiss
teilen sie sich nicht. Auch diese Vorstellung beruht auf der Annahme
eines
Anfangs. Für unser Denken soll es eine erste Zelle geben, aus der
durch Teilung
die Fliege oder der Mensch entsteht, weil ein ewiger, gleichartiger
Reproduktionsprozess in unserer Symbolwelt nicht existiert. So kommen
zu den
eingangs erwähnten optischen Täuschungen die sehr viel
zäheren intellektuellen
Täuschungen hinzu. Viele
Dinge wissen wir schon
besser, aber es dauert immer sehr lange, bis das bessere Wissen
menschenzentristische
Gewissheiten überwindet. Immerhin betrachten wir Lebewesen
inzwischen nicht
mehr sinngemäß, sondern evolutionär. Wir sagen nicht
mehr, der Wolf hat so
große Zähne, damit er besser beißen kann, sondern
stellen fest, dass der Wolf
besser beißen kann dank seiner großen Zähne, die sich
herausgebildet haben,
weil große Zähne vorteilhaft sind im wölfischen
Überlebenskampf. Doch trotz
zahlreicher Erkenntnisfortschritte versuchen wir unbewusst, eine
sinngebende
Interpretation unserer Umwelt beizubehalten, solange es irgend
möglich ist und
handfeste Gegenbeweise unser Beharren nicht komisch machen. Als
erster Schritt hin zu
einem objektiven Denken ist es notwendig, uns der menschlichen
Bedingtheit
unseres Denkens bewusst zu werden: Sinn, Ordnung, Endlichkeit,
Harmonie,
Zielgerichtetheit sind nützlich für unser Zusammenleben, aber
untauglich, um
die äußere Welt zu verstehen. Unsere Wahrnehmung wie unser
Denken funktionieren
als Interpretationen im Rahmen unserer Vorstellungs- und Symbolwelt.
Dies
reicht aus, um Menschen- oder Gotteswerk zu interpretieren als Ergebnis
bewusster oder unbewusster, jedenfalls gerichteter Absichten. Da die
Materie
absichtslos ist, nur Sein, entzieht sie sich diesem Denken. Allerdings
wissen wir trotz
unzureichender Analysemöglichkeiten schon einiges über sie.
Die Materie besteht
aus Teilchen in ständiger Bewegung, vielleicht ist sie sogar nur
Bewegung.
Nichts ist stabil, alles verändert sich, auch wenn wir das auf
Grund unserer
kurzzeitigen, trägen, vordergründigen Wahrnehmung nicht
bemerken oder mögliche
Erkenntnisse nicht wahrhaben wollen: Die Erdachse schwankt, der Nordpol
wandert, die Umdrehung der Erde verlangsamt sich etc. Auch der solide
Holztisch, an dem ich schreibe, ist längst nicht so stabil, wie es
den Anschein
hat, besteht doch auch er nur aus unzähligen rasenden Teilchen,
deren
Zusammenwirken und damit auch Zusammenhang sich ebenso verändert
wie seine
Zusammensetzung. Hätte ich die kosmologische Winzigkeit von 5000
Erdenjahren zu
leben, würde ich es bemerken, wie er langsam seinen Zustand
verändert,
zerfällt, nicht mehr nur ver-, sondern auch zerstaubt. Wissen
könnten wir auch,
dass die Bewegungen der Materie ihre Wirkung nach dem
Versuch-Irrtum-Prinzip
erzeugen. Immer neue Konstellationen bewirken Reaktionen, die sich
entsprechend
der Umweltbedingungen weiterentwickeln oder verschwinden. Die
Einflussfaktoren
auf diesen Prozess sind so vielfältig, dass wir zumindest auf
absehbare Zeit
keine Chance haben, alle Wirkungszusammenhänge zu erkennen,
scheitern wir doch
sogar noch an vergleichsweise so einfachen Ableitung wie
Wettervorhersagen. Allerdings bezweifle
ich nicht, dass unser computergestützter Denkapparat eines Tages
dazu fähig
sein wird, diese Probleme zu lösen, weil wir Fragen stellen
können und richtige
Fragen bei Verwendung richtiger Hilfsmittel richtige Antworten finden. Die
sogenannte Chaostheorie
ist ein erster Ansatz, das Funktionsprinzip der Materie fassbar zu
machen für
unseren Verstand. Irgendwann kapieren werden wir auch, dass die Materie
zeitlos
ist und es daher auch keinen Anfang und kein Ende, nur
Zustandsänderungen geben
kann. Nichts außer dem menschlichen Bewusstsein, dem menschlichen
Geist,
verschwindet (obwohl dieser Spuren hinterlassen kann durch Taten, die
aus ihm
entstanden). Wenn wir sterben, löst sich nur unser immaterieller
Geist
(„Seele“) in Nichts auf, als Teilchenhaufen existieren wir weiter. Wie
bei
jeder Materie ändert sich nur der Zustand. Verführerisch
ist die
Annahme, dass die Materie einem Entwicklungsprozess folgt, der zu einer
höheren
Komplexität führt. Doch sollte uns die Gerichtetheit dieser
sympathischen,
gottgefälligen weil sinnrettenden Annahme skeptisch machen. So
sehr ich mit
Teilhard de Chardin meinem Schreibtisch wünsche, dass auch er
einst Bewusstsein
erlangen möge, halte ich die auch von einigen
Naturwissenschaftlern vertretene
These für eine schöne Wunschvorstellung Sinnsuchender. Dies
gilt wohl auch für die
Naturgesetze, bei denen jedes neue die Unzulänglichkeit
früherer vergessen
lässt. Es mag sein, dass sich für bestimmte Bedingungen
Gesetzmäßigkeiten
erkennen lassen, doch der Glaube, diese Gesetzmäßigkeiten
würden überall und
für immer gelten ähnelt zu sehr dem Glauben an Zeus und seine
Kollegen. Der
Versuch des Menschen, Ordnung in die Welt zu bringen, noch dazu seine
Ordnung,
ist rührend naiv. Als einzigem Lebewesen genügt es ihm nicht
zu sein, er will
auch noch sollen. Doch das Einzige, was er soll, um nicht wie
unzählige andere
Tierarten vor ihm auszusterben, ist sich zu vermehren. Wir leben, um zu
ficken.
Alle andere Tätigkeiten, vom Ackerbau bis zur Poesie, sind diesem
Lebenszweck
untergeordnet. Schwer
genug fällt es, die
menschenzentrische durch eine materialistische Sichtweise zu ersetzen.
Die
meisten Naturwissenschaftler verhalten sich wie Ethnologen des 19. und
20.
Jahrhunderts, die viel beobachteten und beschrieben, aber nur wenig
verstanden,
weil sie fremde Welten mit ihrem abendländischen
Weltverständnis untersuchten.
Manche sahen gar nur, was sie für sich selbst erträumten, z.
B. freie
Sexualität. Den zukünftigen Naturwissenschaftlern stehen noch
sehr viel
schwierigere Abstraktionsleistungen bevor. Um die Vorgänge in der
Materie
verstehen zu können, müssen sie sich von der
selbstgeschaffenen Symbolwelt der
Zahlen und Maße lösen. Wie es unsinnig ist, die Potenz des
Geistes mit einem
Metallstab oder Fragebögen zu ergründen, ist es unsinnig, der
Materie mit
Metern und Stunden und Zahlen beikommen zu wollen. Auch
Naturwissenschaftler
werden begreifen müssen, dass es vermessen ist, die Welt vermessen
zu wollen. Entscheidend
wird sein, ob
uns Menschen der Evolutionssprung vom quantitativen zum qualitativen
Denken
gelingt, ob wir in Relationen statt Maßen denken lernen, ob wir
das ableitende
Denken durch ein probierendes ergänzen können und mutig genug
sind, das durch unsere
Symbolwelt bestimmte logische Denken auf Menschendinge zu
beschränken.
Wahrscheinlich brauchen wir dafür eine neue Sprache, die nicht
mehr auf dem
Gegenständlichen, nicht mehr auf unserer Welterfahrung beruht. Vor
allem aber
dürfen wir die Erforschung der Materie nicht länger den
Naturwissenschaftlern
überlassen, handelt es sich dabei doch um ein intellektuelles,
nicht um ein
messtechnisches Problem. Die auf der Mathematik basierenden
Wissenschaften
bedürfen dringend denkender, philosophischer Ergänzung. Als
Folge der
phantasielosen Erbsenzählerei leiden wir unter der Zersplitterung,
Atomisierung
des Geistes. Die gigantische Zunahme häufig irrelevanten Wissens
kann nicht das
Fehlen von Ideen ausgleichen, solange eine maßlose
Überschätzung der Naturwissenschaften
unsere Phantasie lähmt. © 2006 Karl Pawek
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