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a . Platzbesetzer 

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Unter den zahlreichen Zeitgeisterscheinungen findet sich neuerdings eine besondere deutsche Variante, die Bewegung der Platzbesetzer. Man trifft sie überall in deutschen Landen, z. B. beim Arzt: Das Wartezimmer ist voll, eine Frau steht von ihrem Stuhl auf, um ihrem Kind im Kinderwagen eine Banane zu geben. Während sie das Kind füttert, betritt eine weitere, kaum dreißigjährige Patientin das Wartezimmer, setzt sich auf den freien Stuhl. Darauf hingewiesen, dass sie auf dem Stuhl der jungen Mutter sitze, meint sie ein wenig genervt, man könne sich ja beim Sitzen abwechseln. Zwanzig Minuten später hockt die junge Mutter immer noch neben dem Kinderwagen auf dem Boden, die Platzbesetzerin auf dem Stuhl.

Oder im Restaurant: Ein bekannter Gastwirt lud ein, den Köchen bei der Arbeit zuzusehen. Jeder Gast suchte sich an den Ständen der anwesenden Lieferanten Fische, Muscheln, Krebse, Geflügel, Rindfleisch oder Innereien aus und trug sie in die Küche, wo sie die Köche unter Erklärung der Zutaten und Zubereitungstechniken zum Gericht veredelten. Die Prozedur bedingte, dass der Gast vor jedem Gang seinen Platz verlassen musste. Zurückgekehrt aus der Küche stellten wir fest, dass drei junge Männer und eine Frau, gepflegt und mit teurem Pinneberger Schick gekleidet, unsere Plätze eingenommen hatten. Unsere Jacken und Taschen ebenso wie unsere Teller und gefüllten Weingläser waren beiseite geschoben, die Nachbarn versicherten mit einem gequälten Lächeln, sie hätten die Herrschaften schon darauf aufmerksam gemacht, dass - was nicht zu übersehen war - hier bereits jemand seinen Platz gefunden hatte, doch die Herrschaften erklärten, nun würden sie hier sitzen und uns stünde es frei, neue Plätze zu suchen. Weder Appelle an ein zivilisiertes Verhalten noch empörte Aufforderungen, die Plätze zu räumen, halfen. Erst als in der hitzig werdenden Diskussion scheinbar zufällig ein Rotweinglas umfiel und sein Inhalt auf den armaniähnlichen Anzug einer der Herrschaften tropfte, zogen sie sich unter wilden Beschimpfungen zurück.

Oder am Strand: Eine junge Familie kommt am ersten Urlaubstag an den Strand. Nicht alle Sonnenzelte sind benutzt, also breitet sie sich unter einem freien aus. Die wenig später den Strand besuchenden Eigner dieses Sonnenzeltes betrachten erstaunt die Platzbesetzer, sind jedoch zu zurückhaltend, um ihr Recht an dem Schattenplatz anzumelden, setzen sich allerdings an den Rand des Zeltes, was die Eltern und ihre zwei Kinder nicht zu stören scheint. Am nächsten Morgen allerdings wählen sie das bis dahin unbenutzte Nachbarzelt, zumal es ein wenig größer ist und zwei zusammengeklappte Liegen hat. Am Ende des sehr angenehmen Strandtages gehen sie in ihr gemietetes Ferienhaus zurück, die Liegen bleiben wie benutzt stehen.

Am darauffolgenden Morgen wundern sich Eltern wie Kinder nicht, dass über Nacht die Liegen zusammengeklappt unter das Zeltdach gelegt worden waren, sie richten sich wieder häuslich ein. Im Laufe des Tages jedoch trifft der Eigner dieses Zeltes, Vorstandsvorsitzender eines deutschen Großkonzerns, im Urlaubsort ein. Nicht sein Butler oder - wie es in diesen Kreisen heißt - Boy, der frühmorgens aufgeräumt hatte, sondern der Vorstandsvorsitzende selbst erklärt den jungen Leuten, es täte ihm leid, er brauche nun das Sonnenzelt für sich und seine Frau. Während der junge Mann sich wortlos, doch mürrisch von seiner Liege erhebt und sich einen Meter vor dem Zelt in den Sand legt, fragt die junge Frau kess, ob dies denn wirklich das Zelt des Herrn sei, der sie vertreiben wolle. Die Entschiedenheit des Vorstandsvorsitzenden bewegt sie schließlich doch, die Liege zu verlassen. Ihren Mann aber fordert sie auf: "Dann hol mal unsere zwei Sonnenschirme aus dem Haus."

Das Verblüffende an diesen Platzbesetzern ist, dass sie nicht provozieren wollen, nicht einmal bösartig oder unverschämt sind. Sie besetzen die Plätze ganz selbstverständlich, als sei dies ihr gutes Recht oder doch zumindest üblich (wie andere gar nicht klammheimlich Versicherungen oder Behörden betrügen, aber nie die Müllabfuhr: Die Abfalltrennung zum Wohle ihrer Kinder und Kindeskinder wird strikt praktiziert.). Es ist ihre Egozentrik, die sie asozial werden lässt, ohne dass es ihnen bewusst wird. In ihrer Naivität ähneln sie jenem Jungen, der beim Ladendiebstahl ertappt nach dem Polizeiverhör fragte, ob er die geklauten Sachen nun mitnehmen dürfe.

Die fortschreitende Entsozialisierung prägt unseren Alltag. Das Niedermachen des Arbeitskollegen, das Mobbing, hat nichts mit Konkurrenzkampf zu tun, ist schlicht asozial weil unsolidarisch. Asozial ist auch das Verhalten Drogensüchtiger, die, wenn sie überhaupt als Opfer gelten können, nur Opfer ihrer als unerträglich empfundenen Befindlichkeit sind, die sie - freilich gezwungen durch eine verfehlte staatliche Drogenpolitik - zu Räubern und Dieben macht. Asozial ist das Verhalten vieler Autofahrer, häufig gerade jener, die auf Schnellfahrer schimpfen. Sie fügen sich nicht in Verkehrsflüsse ein, denken - anders als die meisten Italiener - nicht mit anderen Verkehrsteilnehmern mit, pochen - wie die häufig nicht minder asozialen Radfahrer und Fußgänger - auf ihr vermeintliches Recht, das meist nur Gewohnheit ist. Asozial sind sogar schon viele Erstklässler, die alleine  und jeder für sich konzentriert und engagiert arbeiten/spielen können, aber unfähig sind, innerhalb von Gruppen zu agieren. Gerade ihr Verhalten beweist, dass es sich bei diesen Beobachtungen nicht um einen von konservativen Alten jeder Generation beklagten Verfall von Sitten und Werte handelt. Die Rituale der "Guten Erziehung", der Höflichkeit (schon der Begriff verweist auf seine lächerliche Unzeitgemäßheit) sind seit den 60er Jahren zurecht attackiert, karikiert, abgelehnt worden, dienen sie doch zumeist nur der Perpetuierung überkommener Verhältnisse. (Besonders deutlich  wird dies am höflichen männlichen Umgang mit Frauen, dessen vorgeschobene Begründung, das schwache Geschlecht zu schützen, in Wahrheit nur dazu dient, es schwach zu halten.)

Die gemeinsame Ursache dieser und unzählig weiterer Formen der Entsozialisierung ist eine die Mitmenschen übersehende Egozentrik. Sie wiederum ist das Ergebnis des wohl bedeutsamsten menschlichen Emanzipationsprozesses seit der Renaissance, der Individualisierung. Die Säkularisierung gesellschaftlicher Verhältnisse und die immer mehr Menschen erreichbare wirtschaftliche Unabhängigkeit befreiten den Einzelnen aus den Zwängen klassenspezifischer, ideologischer und familiärer Bindungen. Begleitet wurde diese Individualisierung, wir Norbert Elias nachgewiesen hat, durch eine Distanzierung, zuerst von Speisen, die nur mehr mit Werkzeugen berührt auf individuelle Tellerportionen verteilt wurden, von Gerüchen, die als unerträglich empfunden wurden, vom Mitbewohner, dessen gewöhnlicher Nähe im gemeinsamen Bett oder zumindest gemeinsamen Schlafraum die Menschen in Einzelzimmer entflohen. Entsozialisierend wirkten die neuen Medien, das Buch, Radio, Fernsehen, die individuellen Verkehrsmittel, abgetrennte Arbeitsplätze. Sogar der Tanz wurde in den letzten Jahrzehnten zu einer einsamen, distanzwahrenden Angelegenheit, und die Sexualität verkam zu einem Akt gegenseitiger Masturbation (wobei das in Folge von Aids so heftig propagierte Kondom nur einem weiteren Berührungstabu entspricht). Und schon zeichnet sich die nächste Distanzierung in Form des virtuellen Sexualverkehrs ab.

Was einst als Befreiung von kollektiven Zwängen begann, führte also zunächst zur Einsamkeit des Individuums. Immerhin erlaubt sie dem Einzelnen, sich entsprechend seiner Fähigkeiten und Launen, seinem Glück zu entwickeln. Die Abhängigkeit vom Zufall der Abstammung, von ideologischen und das heißt immer noch vor allem von religiösen Zwängen wurde weitgehend überwunden, und diese Befreiung war gewiss aller unerfreulichen Begleiterscheinungen wert. Wer dies leugnet, leidet unter nostalgischer Blindheit. Denn die Mär von der Großfamilie, die alle in ihren behütenden Schoß zwang, vom gütigen Unternehmer, der seine Arbeiter in strenger, doch absichernder Abhängigkeit hielt oder vom Farmer, der seinen Niggern durch Zucht und Zwang zum bescheidenen Familienglück verhalf oder vom Pfarrer, der Angst predigte, auf dass die Verängstigten Trost in der Gemeinde fänden, ist genau so wenig zukunftsträchtig wie die Ideologie der Volksgemeinschaft. Sie alle erweisen sich früher oder später als interessenkaschierende Lügen. Aus der Individualisierung führt kein Weg in diese Formen der Gemeinschaft zurück.

Um so dringender ist es, dass der Mensch sich seiner sozialen Fähigkeiten besinnt und begreift, dass die vielbeklagte Zerstörung der Umwelt (eine ebenfalls egozentrische und urkonservative Angst) weitaus weniger problematisch ist als der Verfall seiner Mentalität. Eine Atomisierung unserer Gesellschaft in zwar freie, aber asoziale Einzelwesen hat ihren Untergang zur Folge. Mit Abstaubern ist kein Staat zu machen.

Vor allem Eltern und Pädagogen werden begreifen müssen, dass es nicht mehr darum geht, den Einzelnen in der Entwicklung seiner Interessen, Fähigkeiten, seiner Persönlichkeit zu fördern, weil durch den Wegfall ideologischer und klassenspezifischer Vorbestimmung das Eigeninteresse ausreichend wirksam ist zur Selbstverwirklichung. Vielmehr muss diese Selbstverwirklichung sozial geformt werden. Anstelle der früheren vertikalen Prägung - jeder finde seinen Platz in der Hierarchie, Junge und Alte, Mann und Frau, Bauer, Arbeiter, Unternehmer, Fürst - muss die horizontale Sozialisierung treten, muss einsichtig werden, dass jeder Einzelne allein schon aufgrund seiner Existenz unendlich wertvoll, bedeutsam ist, dies aber nur in der Sozietät. Als Einzelner stellt er nur einen Zellhaufen dar, der nach Vermehrung strebt.

Niemand verwehrt es den Platzbesetzern, einen leeren Platz zu besetzen (was noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar war in einer Gesellschaft, in der jeder wusste oder jedem eingebläut worden war, wo sein Platz ist). Asozial wird dies erst, wenn aus dem Benutzen ein Verdrängen wird, wenn die Egozentrik blind macht gegenüber den Rechten und Bedürfnissen des anderen. Gute Worte freilich helfen dagegen nicht, Sozialverhalten muss erlernt werden. In Zeiten der Not lehrt es das Leben, denn Not macht Solidarität überlebensnotwendig. Auch Egozentriker kapieren dies schnell. In Zeiten des Überflusses aber, und wir zählen trotz aller sozialen Verwerfungen zu den wenigen Menschen auf der Welt, die - historisch relativiert - im Überfluss leben, fehlt der Zwang zum Teilen. Bevor wir uns durch die Verteilungskämpfe kleiner Kinder nerven lassen, kaufen wir lieber Spielzeug und Bücher in entsprechender Stückzahl. Bevor wir uns über ein gemeinsam zu sehendes Fernsehprogramm einigen müssen, wird für jedes Familienmitglied ein Fernsehapparat angeschafft. Und bevor wir Fahrgemeinschaften bilden, sitzen wir lieber alleine im Auto im Stau.

Da wir es uns also leisten können, Egozentriker zu sein und Egozentriker heranzuziehen, hilft dagegen nur Zwang. Wir haben die Wahl: Entweder wir lassen die Verhältnisse sich entwickeln, wie es sich abzeichnet. Die dabei entstehende Gesellschaft wird, ganz abgesehen von den selbstzerstörerischen psychischen Folgen, derart ineffizient und chaotisch, dass sie mental wie ökonomisch anderen, weniger individualisierten Gesellschaften hoffnungslos unterliegt. Not wird sich dann schnell einstellen. Oder wir gewinnen Zwang aus Einsicht, indem wir begreifen, dass ein Übermaß an Großzügigkeit, Individualisierung, Selbstverwirklichung und Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten ähnlich unbekömmlich ist wie eine zu große Menge köstlichster Austern. Vor allem die Pädagogik und die Medien wären gefordert, wobei ihre Aufgabe nicht darin bestünde, alte Erziehungsideale zu reanimieren. Ehrfurcht und Bescheidenheit, Höflichkeit und Gehorsam waren und sind nur Eigenschaften, die Herrschaftsstrukturen stabilisieren. Eine moderne Pädagogik muss sich endlich von rousseauschen Träumereien verabschieden, von der kleinbürgerlichen Illusion des unschuldigen, reinen Kindleins. Der Mensch kommt als geiles, gefräßiges, unverständiges Wesen zur Welt, das nur sich selbst und bestenfalls noch einige Lieferanten kennt. Es sich entwickeln zu lassen, seine Anlagen zu fördern heißt, geile, gefräßige, unverständige Erwachsene heranzuziehen.

Der Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse von Kindern liegt ein edler Irrtum zugrunde. Viele Eltern und Pädagogen erinnern sich der Zwänge, denen sie als Kinder und Jugendliche unterworfen waren, die sie verletzten, beschädigten, in manchen Fällen zerstörten. Dabei übersehen sie, dass es nicht so sehr Zwänge, sondern die erzwungenen Normen, Rituale, Lehrinhalte, also oft unsinnige Quälereien waren, unter denen sie litten. Viele andere Zwänge, der Zwang zum gemeinsamen Essen, zum Erlernen nützlicher Dinge, zum Umgang mit anderen Kindern, zum Reisen u.s.w. brachten durchaus wohltuende Ergebnisse und werden daher gar nicht als Zwänge erinnert.

Diese Vergesslichkeit und die Entpolitisierung unserer Gesellschaft, in der nicht mehr Verhältnisse, sondern Befindlichkeiten das Denken und Handeln bestimmen, führen zu absurden Formen der Rücksichtnahme gegenüber Kindern vor allem im Mittelstand. Kinder dominieren nicht nur das Familienleben sondern auch Freundschaften unter Erwachsenen, sie dürfen alles, was nicht sie selbst, nur die Nerven der Erwachsenen verletzt. Sie dürfen dazwischenreden, sich produzieren, über gemeinsame Unternehmungen entscheiden, Kellner zur Verzweiflung treiben, Vorlesungen durch Quengeln stören, und wenn es ihnen in der Schule schwer fällt, ruhig zu sitzen, werden eben Sitzbälle angeschafft, um ihren Bewegungsdrang nicht zu behindern. Wer Kinder so wichtig nimmt, wie dies in unserer Mittelstandsgesellschaft der Fall ist, beraubt sie nicht nur jeder Chance des Widerstands, der erst die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit erlaubt, sondern lässt sie in ihrer Egozentrik verharren.

Weder Autorität als Ideologie noch als Selbstzweck sind gefragt, sondern ein rationaler Umgang mit den Bedürfnissen und Fähigkeiten von Kindern. Wer Kinder wirklich ernst nimmt, wird sie als kleine Menschen behandeln, denen man hilft, wo sie Hilfe benötigen, von denen man aber auch einfordert, wozu sie fähig sein sollten, als da wären die Fähigkeit, zuhören zu können, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und abzuwägen, sich unabhängig von Lust und Laune konzentrieren zu können, in Gegenständen den Wert menschlicher Arbeit zu erkennen, in Maßen warten zu können.... Weder die ehedem von unseren Großeltern geforderten Höflichkeitsformen noch die heute üblichen Statussymbole der Kleidung machen Kids zu Menschen, sondern Leistungen wie z. B. das Waschen der eigenen Wäsche ab dem Zeitpunkt, an dem ein Computer bedient werden kann, also spätestens ab dem 7. Lebensjahr. Die dafür notwendige sozialisierende statt individualisierende Pädagogik müsste auf der Egozentrik des Menschen, erst recht des Kleinkindes aufbauen und erkennen lassen, dass Verzicht, Konzentration, Verantwortung auf Dauer mehr einbringen als sie kosten. Dies kann einem Kind nicht ohne Zwang vermittelt werden, aber der dafür notwendige Zwang dient nicht der Abrichtung, der Unterwerfung unter eine Autorität, sondern dem Gewinn an Lebensqualität. Denn jene Platzbesetzer, so bequem sie auch leben mögen, all die Egozentriker, diese ungeduldigen Egomanen, die keine Beziehung entstehen lassen, keine Bindung ertragen können, sie sind nicht glücklich, zumeist einsam, weil gutmütige Eltern und wohlmeinende Pädagogen ihnen den Zwang der Sozialisation ersparten.
© 1999 Karl Pawek
pawek@web.de

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