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Zu den unangenehmen Begleiterscheinungen des Älterwerdens gehört neben der Erfahrung, dass die dümmsten Minister und Kanzler meistens noch dümmere Nachfolger bekommen, die Pervertierung jugendbewegter Ideale in ihrer Verwirklichung. Vielen von uns, die wir um 68 groß geworden sind, schien die lebenslängliche Zwangsgemeinschaft Ehe quälend, unerträglich, absurd. Frei von solch erbärmlichen Zwängen wollten wir leben, selbstbewusst und selbstbestimmt. Und es gab Vorbilder. Denn damals kam kein leidlich intelligenter Mensch (es sei denn, er war gekauft) auf die Idee, den Kommunismus durch eine Gleichsetzung mit dem Faschismus zu diskreditieren. Die Unterschiede, ja Gegensätze waren noch unleugbar, auch in der Familien- und Sexualpolitik. Während die Nationalsozialisten nach der Machtübergabe kaum Eiligeres zu tun hatten, als die sexuelle Unterdrückung zwecks Disziplinierung der Volksgenossen zu forcieren (FKK-Verbot am 3.3.1933; Vertriebsverbot empfängnisverhütender Mittel; Verschärfung des Abtreibungsverbots; Verbot der Pornographie und aller Organisationen der Homosexuellen etc.), war die Oktoberrevolution auch sexual- und familienpolitisch ein Befreiungsschlag gewesen. Innerhalb weniger Wochen verwirklichte sie 1917, worauf die Menschen in den asozialen Demokratien z. T. bis in die 90er-Jahre warten mussten: freie Namenswahl bei der Eheschließung; Strafbarkeit einer Vergewaltigung auch in der Ehe; vereinfachte Ehescheidung (bei beidseitiger Zustimmung) durch Registrierung; sechsmonatige Unterhaltszahlung unabhängig vom Geschlecht, wenn der Partner arbeitslos oder arbeitsunfähig war; Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder; Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs; Abschaffung der Strafverfolgung von Homosexuellen und Prostituierten; Sexurlaub für Strafgefangene; rechtliche Gleichsetzung unehelicher Verhältnisse mit ehelichen.

Ohne Berührungsängste übernahmen daher auch bundesdeutsche Antikommunisten die Haltung der Bolschewiken, weil sie passte, allen voran den 68ern. Diese Rebellion verwöhnter Kinder kann überhaupt nur unter dem Aspekt der Bequemlichkeit verstanden werden. Man entsorgte den Nationalsozialismus, indem man sich empört von den schuldigen Eltern distanzierte, ihren aus Arisierung und Ausbeutung gewonnenen Reichtum aber teilte. Gut antifaschistisch und doch national konnte man mit viel Spaß den urdeutschen Antiamerikanismus ausleben und sich dabei noch fortschrittlich dünken. Der Kampf gegen Springer und Konsorten war letztlich ein Kampf um Anerkennung. (Daher fiel es den meisten Rebellen später auch nicht schwer, für Springer und Konsorten zu arbeiten, nachdem diese endlich in der Rebellion die kapitalismuskonforme Innovation erkannt hatten.) Man war antiautoritär, solange man selbst keinerlei Autorität besaß, und pflegte das großartige Ich. Man predigte internationale Solidarität, aber lebte zu Hause wie im revolutionären Ausland häufig nur als Schmarotzer. Vor allem aber konnte man ganz progressiv und nur sich selbst verantwortlich die sexual- und familienpolitische Libertinage ausleben. Feste Beziehungen waren verpönt, wer heiratete, machte sich lächerlich. Da der Kapitalismus so leicht nicht abzuschaffen war, bekämpften die kleinbürgerlichen Rebellen seine lästigsten Transformatoren: Aggression, Familie, Zwangsmoral etc. Unter solchen Voraussetzungen darf es nicht verwundern, dass diese 68er-Bewegung im Natur- und Umweltschutz, der antiintellektuellen, antikulturellen Haltung schlechthin, und im Singlewesen ihre Vollendung fand.

Foto: Heinrich Pawek Der Entschluss, als Single zu leben, resultiert in den meisten Fällen aus einer Unfähigkeit zur Toleranz. Das unerzogene und daher unsoziale Individuum in seinem Wahn, sich als Zentrum der Welt zu empfinden, will nicht Rücksicht nehmen müssen auf Lebenspartner, sondern sich selbst verwirklichen, will ganz infantil nur haben, nicht geben. Dabei sind Singles nicht faul, nur häufig erschreckend spießig konformistisch. Mit Hingabe pflegen die meisten von ihnen Heim und Körper. Sie putzen und ordnen und schrubben, obwohl nur selten jemand zu Besuch kommt. Ihr Leben scheint oft geregelter als das ergrauter Ehepaare, nicht einmal ihre Sexualität ist chaotischer (und damit authentischer) als die von Mami und Papi in Poppenbüttel. Das Liebesleben vieler Singles kann ihren Nachbarn den Kalender ersetzen: Jeweils mittwochs um 18 Uhr empfängt mein Nachbarsingle einen zweiten Single, man isst gemeinsam, begibt sich gegen 20 Uhr ins Schlafzimmer, vollzieht murmelnd den Akt. Eine Stunde später geht zunächst der Gastsingle (bereits mit Slip) ins Badezimmer, danach der Haus-single (noch ohne Slip), anschließend sieht man noch ein wenig fern, gegen zehn verabschiedet sich der Gast. Kürzlich freilich muss mein Nachbar „fremdgegangen“ sein: Es war dienstags und sie stöhnte. Ich fürchte allerdings, beide Gastsingles haben voneinander erfahren, denn seither bekommt er überhaupt keinen Besuch mehr. Eifersucht und Treueverlangen scheinen auch in Singlebeziehungen noch längst nicht überwunden.

Während es den kommunistischen Revolutionären (am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt) darum ging, auch unter sexualpolitischen Aspekten dem neuen Menschen ein Leben in sozialer Selbstbestimmung und Würde zu ermöglichen, entspringt die Nach-68er-Singlebewegung der Toleranzunfähigkeit von Egozentrikern. Nicht einmal aus Überzeugung leben sie allein, sondern aus Bequemlichkeit. Daher kann ihr angeblicher Drang nach sexueller Freiheit und individueller Selbstbestimmung dem Kapital zur Erschließung neuer Profitmöglichkeiten dienen, indem es äußerst innovativ und manchmal sogar kreativ richtige, nur falsch verstandene Bedürfnisse der Menschen in falsche, dafür aber richtig profitable Bahnen lenkt. Wie die propagierte sexuelle Befreiung bei uns nicht zum massenhaften lustvollen Vögeln führte, sondern zu einem milliardenschweren Erotikmarkt für Pillen und Dessous, Kondome und Intimsprays, Lustwerkzeuge und Softpornos, bewirkte die angestrebte soziale Unabhängigkeit nicht Emanzipation sondern Anpassung, nicht Glück sondern Einsamkeit.
Inzwischen bestehen in deutschen Großstädten die meisten Haushalte nur mehr aus einer Person, über ein Viertel aller Kinder in Hamburg z. B. wachsen bei alleinstehenden Müttern (85%) oder Vätern (15%) auf, deren durch keine Partnerbeziehung relativierte Fixierung auf das Kind für beide Teile katastrophale Folgen haben kann. Der Single, grammatikalisch immer männlich, weil die anderen Geschlechtsformen durch die ältere Bezeichnung eines Tonträgers bzw. eines Einzelspiels beim Tennis schon besetzt waren, wird zur Norm. Dies ist selbstverständlich weniger ein Erfolg menschlichen Wollens als der Tatsache geschuldet, dass dieses Wollen mit den wirtschaftlichen Verhältnissen übereinstimmte. (Sogar Revolutionen können nur erfolgreich sein, wenn sie ökonomischen Entwicklungen entsprechen.)

Arbeitsmarkt und –intensität verlangten nach flexiblen, mobilen, vor allem aber billigen und daher zahlreichen Arbeitskräften, die zur Sicherung ihrer Karriere mit ihren Jobs und nicht mit einem Menschen verheiratet sein müssen. Vor allem für weibliche Singles bedeutet der Entschluss, alleine zu leben, auch die Teilnahme am Arbeitsmarkt. Das erhöhte Angebot reduziert nicht nur die Preise für Arbeitskraft, diese wird auch unbelastet durch familiäre Bindungen effektiver. Singles arbeiten intensiver, weil sie sich mehr identifizieren mit dem einzigen Partner, der ihnen blieb, der Firma. (Mit Ausnahme von Italien ist der Gebrauch von Handys am weitesten verbreitet bei Singles. Wer in Partnerschaft oder gar im Generationenverbund lebt, empfindet das Handy eher als Belästigung. Für Singles dagegen ist jedes Handypiepsen ein Beweis, dass es doch noch jemanden gibt, der von ihnen etwas will.) Singles sind aber nicht nur ideale Arbeitskräfte, sondern auch die besten Konsumenten, da ihnen relativ viel Geld für den Eigenverbrauch zur Verfügung steht, das sie auch ausgeben, weil vielen von ihnen die Beziehung zu Waren eine Beziehung zu Menschen ersetzen muss. Doch auf die Dauer macht Kaufen nicht glücklich.

Dies hat, Jahre nach weniger dummen Tageszeitungen, auch die Hamburger Morgenpost bemerkt und einen samstäglichen „Single-Markt“ eröffnet. Rund 400 Menschen, mehr Männer als Frauen, suchen jede Woche für 10 DM (oder 15 DM bei Fettdruck) einen „Partner für Liebe, Spaß & Sport“. Nur wenige Inserenten geben sich zynisch cool: „Schluss mit der Gummipuppe. M/47 J., Zwilling + Krebs sucht Dich, bis 50 J. Ich bin bereit für alles was zu Zweit Spaß macht, gerne mit Bild.“ Mehr Erfolg, fürchte ich, wird dieses Singlemonster haben: „Auch Cabriofahrer u. Spekulanten wollen Väter werden. M 37/190 sucht die künftige Mutter seiner Kinder. Bitte netten Brief u. Foto!“ Dieser Arsch ist fast schon typisch. Er will eine Gebärmutter, die er stoßen kann, damit sie ihm Kinder austrägt. Brutal benennt er sein Bedürfnis, aber die Angebote sollen bitte schön nett formuliert sein. Der selbstherrliche Singlemann verhält sich wie ein reaktionärer Gutsbesitzer im 19. Jahrhundert, modern an ihm ist nur, dass er dafür auch noch geliebt, zumindest freundlich behandelt werden will.

Andere Inserenten sind selbst fast so dumm wie ihre Zeitung: „Ich, 40/180/62 bin wie ein Schiff ohne Richtung, welcher Leuchtturm zeigt mir den Weg. Bitte mit Bild.“ Schon das häufig gewählte „Ich“ am Anfang zeugt von der Infantilität, die sich überall und vor allem bei Jugendlichen verbreitet. Das Ich erscheint ihnen so bedeutsam, dass sie fast wildfremde Menschen sogar am Telefon mit „Ich bin´s“ begrüßen, obwohl dieses Ich, wie die Inserentin vielleicht sogar ahnt, nur eine flüchtige Projektion der Medien ist. Den Leuchtturm jedenfalls möchte ich auch nicht kennenlernen. Und nicht diese nüchterne Geschäftsfrau: „Temperamentvolle Sie, 45, sucht attr. zuverl. M. mit gesichertem Eink., Humor, Witz u. Geist wünschenswert. Eigenheim u. Vermögen v. Vorteil.“ Hier winken weder Liebe, noch Spaß, höchstens Sport, der bekanntlich Mord ist.

Für gewöhnlich sind die Anzeigen, mögen sie noch so launig formuliert sein, Hilferufe: „Wer erlöst mich, 23 J. 174 lg aus meiner Einsamkeit? Hobby: Spazieren, Theater, Kino, Klönen, Feiern u. Schmusen. BmB. (Soll heissen „Bitte mit Bild“, K. P.) Ich freue mich.“ Worüber, worauf? Auf den Dummbüttel von Erlöser, der es bestimmt versäumt, einer Frau, deren einziges Hobby der Konsum ist, in den Hintern zu treten, damit sie endlich in die Hufen kommt?

Morgenposts Single-Markt ist ein Haufen Elend. Denn hinter den meisten, oft kessen Anpreisungen lugt nur der Wunsch nach einer festen, am liebsten ewigen und jedenfalls treuen Beziehung hervor. Es ist eben bis auf wenige Ausnahmen kein singlegemäßer Markt, sondern ein Suchdienst für Verzweifelte. Gewiss, einigen Inserentinnen („Rubensfigur“ u. ä.) wäre vielleicht schon geholfen, wenn sie weniger fressen würden, anderen, wenn sie auch Raucher (statistisch nachweisbar die lebendigeren, sensibleren, weniger konformistischen Menschen) akzeptieren würden. Und allen wäre geholfen, wenn sie weniger infantil egozentrisch wären. Die Bequemlichkeit des ichverklärenden Singledaseins rächst sich nämlich spätestens im Alter. Das überraschendste Ergebnis der Morgenpostlektüre: Das Durchschnittsalter der Inserentinnen beträgt über 38 Jahre und liegt damit noch zweieinhalb Jahre über dem der Inserenten.

Das hohe Durchschnittsalter bestätigt die Vermutung, dass weniger Abenteuerlust, Verspieltheit, Neugierde die Inserenten/innen treibt als Torschlusspanik. Je älter Singles werden, desto stärker erleben sie ihre vermeintliche Freiheit, Unabhängigkeit als Mangel. Denn im Unterschied zu den Menschen, die bewusst alleine leben wollen (und dabei oft mehr Außenkontakte haben als manche Familie), sucht der Single nicht Autonomie, nur preiswerte Lustbefriedigung. Er scheut die Verantwortung, die Rücksichtnahme, die Anstrengung, einen Partner zu verstehen, seine Bedürfnisse, auch Eigenheiten zu akzeptieren. In seinem Sozialverhalten blieb er auf der Entwicklungsstufe von Kleinkindern stehen. So lässt es sich eine Zeit lang locker leben in wechselnden Zweckgemeinschaften, doch schon kleine Divergenzen sprengen solch labile Beziehungen. Die Hoffnung aber, mit dem nächsten Partner könnte es besser klappen, ist vergeblich, wenn die Angst vor dem Frust größer ist als der Mut zur Liebe. In solchen Fällen sind sogar die 10 DM für eine Kontaktanzeige hinausgeschmissenes Geld, die Zusatzkosten für den Fettdruck pure Vergeudung. Denn der wahre Wunsch der Inserenten, einen Trottel zu finden, der sie unterhält, stützt, ihnen Geborgenheit gibt ohne Anspruch, bleibt unerfüllt - sogar bei den gelegentlich unter der gleichen Rubrik angebotenen Hausklaven/innen, die aus dem Osten oder Süden importiert werden. Denn die wissen in der Regel, warum und wofür sie sich verkaufen und tun dies keinen Tag länger als notwendig.
Autonomie, Selbstbestimmung im Kapitalismus kann eben nur ein asozialer Abklatsch des sozialistischen Traums vom neuen Menschen sein. Denn wer nur für sich lebt, lebt sinnlos. Die Ramschfiguren, die sich auf Single-Märkte werfen, RTL-Shows aufdrängen, sich auf Internetauktionen anbieten, könnten einem leid tun, wären sie an ihrem Elend nicht zum großen Teil selber schuld.
© 1999 Karl Pawek
pawek@web.de

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