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Sport
ist eine der
eigentümlichsten Tätigkeiten der Menschen. Kein anderes
Lebewesen treibt Sport.
Tiere toben gelegentlich herum, balgen sich, spielen. Meistens aber
bewegen sie
sich nur auf der Suche nach Nahrung, zur Gefahrenabwehr, Fortpflanzung
oder als
Tribut an die Hackordnung. Nie käme ein Tier auf die Idee, das
Laufen,
Springen, Schwimmen zu üben, um sich mit anderen zu messen. Erst
die sehr viel
komplexere menschliche Intelligenz ersann sich zur Leistungssteigerung
den
Sport. Wer nicht nur der Not gehorchend, sondern zusätzlich lief,
warf, sprang,
war bald anderen überlegen bei der Jagd und der Gewinnung von
Sexualkontakten.
Jede Übung zahlte sich aus. Die
Klügsten freilich ließen
schon immer andere für sich laufen, werfen, springen. Um ihre
Macht zu sichern,
zu erweitern, brauchten die Häuptlinge gut ausgebildete Krieger.
Daher
förderten sie den Kampfsport in Friedenszeiten. Sport, hierin
liegt der
wesentliche Unterschied zum Spiel, war nie Selbstzweck, nur
Vorbereitung auf
den ganz und gar unsportlichen (Überlebens-)Kampf. Schon
die Olympischen Spiele
der Antike waren keine Friedensfeste. Im Schatzhaus des heiligen
Bezirks von
Olympia wurden Kriegsrüstungen aufbewahrt, die an
militärische Siege über
andere Gemeinden erinnerten. Alle damals praktizierten Sportarten
dienten vor
allem der militärischen Ertüchtigung, wobei die
Attraktivität für die
ausschließlich männlichen Zuschauer wohl weniger in den
sportlichen Leistungen
lag als in der Nacktheit der oft sehr jungen Athleten. Für Frauen
gab es
zwischen den olympischen Spielen, vergleichbar mit den heutigen
Paralympics,
auch Frauenspiele, die freilich kaum überliefert wurden. Denn
abgesehen davon,
dass die Sportlerinnen züchtig bekleidet auftraten, brauchte man
damals keine
Kriegerinnen mehr, sodass Frauensport als überflüssig galt
und nur mehr als
traditionelle pflichtschuldige Huldigung an immer unbedeutender
werdende
Göttinnen praktiziert wurde. Noch
die vom Baron Pierre de
Coubertin wiederbelebten Olympischen Spiele der Neuzeit begannen 1896
frauenlos. Trotz aller völkerverständigen Beteuerungen
entsprang auch die
olympische Idee der Gegenwart militaristischem Denken. Coubertin sah in
der
mangelnden körperlichen Ertüchtigung der Soldaten eine der
Hauptursachen für
die Niederlage der Franzosen im Deutsch-Französischen Krieg
1870-71. Die
olympischen Spiele sollten Abhilfe schaffen. Da die Herrschenden aller
Völker
ein großes Interesse an schlagkräftigen Armeen hatten, war
die olympische Idee
ein Selbstläufer. Wie sehr sie vom militaristischen Denken
geprägt war, zeigt
die Tatsache, dass Coubertin als begeisterter Pistolenschütze das
Schießen zu
den von Beginn an olympiawürdigen Sportarten bestimmte und am
Vielseitigkeitsreiten zunächst nur Offiziere teilnehmen durften.
Noch heute
beherrschen in vielen Disziplinen Sportsoldaten, also Soldaten, die auf
Kosten
der Kriegs- und Verteidigungsministerien zu Leistungssportlern
ausgebildet
werden, das Teilnehmerfeld. Allein die Bundeswehr gibt jährlich 25
Millionen
Euro für diese Sportförderung aus. Von den 437 deutschen
Sportlerinnen und
Sportlern, die an den Olympischen Spielen 2008 in Peking teilnahmen,
wurden 127
von der Bundeswehr entsandt. Noch
reaktionärer als Herr
Coubertin war der deutsche Turnvater Jahn, ein Franzosen- und
Judenhasser, der
sich vor Sehnsucht nach dem Krieg verzehrte. Um die Volks- und
Wehrkraft des
deutschen Volkes zu heben eröffnete er 1811 in Berlin den ersten
öffentlichen
Turnplatz. Darüber hinaus beteiligte er sich am Lützower
Freikorps. Gewiss
nicht trotzdem, sondern deswegen wurde er zum Vorbild für
Turnlehrer und
Sportfunktionäre, sind immer noch Schulen und
Wettkampfstätten nach ihm
benannt. Und als endlich die Nazis an die Macht kamen in Deutschland,
gehörten
Sportfunktionäre zu ihren willigsten Erfüllungsgehilfen.
Bereits im April 1933
schlossen viele Sportverbände Juden aus: der Deutsche
Schwimmerverband, beide
Boxsportverbände, der Verband brandenburgischer Athleten, der
Süddeutsche
Fußball- und Leichtathletikverband, fast alle Tennisvereine. Ganz
vorne im
„Wettlauf um die Gunst der freudig begrüßten neuen
Machthaber“ (Hajo Bernett)
agierte die Deutsche Turnerschaft. Rassistischer noch als die
Nazigesetzgebung
verbot sie sogar „Vierteljuden“ das Turnen mit Deutschen. Die deutschen
Sportverbände betrieben die Arisierung des Sports so begeistert,
dass selbst
Adolf Hitler Mäßigung forderte. All
dies blieb lange hinter
dem Schleier der Mär vom unpolitischen Sport verborgen. Dieser
Mythos wird bis
heute verkündet und geglaubt. Doch trotz aller
Völkerverständigungsbeteuerungen
ist auch der moderne Sport eine Brutstätte des Nationalismus und
Kriegsersatz
in Friedenszeiten. Eines der bei Sportlehrern beliebtesten und
entsprechend
dummen Mannschaftsspiele im Nachkriegsdeutschland war Völkerball.
In ihm geht
es darum, möglichst viele Spieler der gegnerischen Mannschaft
abzuschießen, zu
eliminieren. Der Name Völkerball verschleiert nicht einmal den
kriegerischen
Charakter des Spiels, obwohl bundesdeutsche Schülermannschaften
sich nicht mehr
wie in der Zwischenkriegszeit mit Nationennamen – am beliebtesten war B-Mannschaft „Frankreich“ gegen A-Mannschaft
„Deutschland“ – gegenübertraten. Auch
im 21. Jh. machen
Nationalhymnen und Nationalflaggen internationale Sportveranstaltungen
zu
nationalen Weihefeiern. Nicht die Sportler einer Disziplin, sondern
einer
Nation marschieren gemeinsam bei den olympischen Spielen in die Stadien
ein,
und jede Nation, die Siegeschancen hat, stiert täglich auf den
Medaillenspiegel. Überhaupt
sind die meisten
Zuschauer weniger am Sport als an den Bestleistungen ihrer Landsleute
interessiert. Veranstaltungen, gleich welcher Disziplin, in denen
Mitbürger
dominieren, werden in aller Ausführlichkeit übertragen und
von Millionen
verfolgt. Findet der gleiche Wettkampf, z. B. das Tennisturnier in
Wimbledon,
wenige Jahre später ohne chancenreiche Mitbürger statt,
interessiert sich kaum
noch jemand dafür. Sport, der angeblich Nationalismen
überwinden soll, kann
eine gruselig nationalistische Veranstaltung sein. Die
reaktionären Wurzeln des
Sports lassen sich auch an seinem Verhältnis zu Frauen erkennen.
Von der Antike
bis ins 20. Jh. durften Frauen im Leistungssport keine Rolle spielen.
Während
die Männer der Frühzeit jagten und Kriege führten,
gebaren Frauen Kinder und
zogen sie groß. Im Unterschied zu den Männern lebten sie
daher häufiger
stationär und erfanden dabei den Ackerbau. Für
Landwirtschaft, Kinderaufzucht
und Haushaltsführung bedarf es allerdings mehr intellektueller als
muskulöser
Fähigkeiten. Wahrscheinlich war es diese intellektuelle Schulung
der Frauen,
die tumben Muskelprotzen allmählich gefährlich wurde und sie
aus Selbstschutz
zwang, Frauen zu unterdrücken. Denn was ist
Frauenunterdrückung anderes als der
Versuch, Frauen an der nicht nur intellektuellen Weiterentwicklung,
Selbstverwirklichung zu hindern? Da es Sklaverei längst gab,
hätten die
Herrschenden mit ihrem männlichen Anhang zur Gewinnung
gefügiger Arbeitstiere
Frauen auch nichtsexistisch einem Arbeitszwang unterwerfen können.
Doch Zweck
der Frauenunterdrückung war nie ihre Ausbeutung als Arbeitskraft,
sondern die
Beschränkung ihres Denkvermögens, um ihre intellektuelle
Vorherrschaft zu
verhindern. Sport war der erfolgreiche Versuch, weibliche Intelligenz
durch
männliche Kraft im Zaum zu halten. Dafür musste Sport
allerdings eine männliche
Domäne bleiben. Da bis ins 20. Jh. auch im Krieg Frauen nur
für Lust und Pflege
gebraucht wurden, wofür andere als sportliche Qualitäten
gefragt waren,
entfielen auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen einer
Frauensportförderung. Daher dauerte es nach Coubertins
Wiederbelebung der
olympischen Idee noch Jahrzehnte, bis Frauen an den Spielen teilnehmen
durften. Immerhin
Tennis und Golf,
die freilich weniger als Sportarten denn als adeliges und später
auch
großbürgerliches Freizeitvergnügen galten, waren Frauen
schon im 15.
Jahrhundert erlaubt. Bereits 1422 soll eine Margot aus Hennegau als
erste
Profitennisspielerin am Hofe Philipps des Guten gearbeitet haben.
Damals wurde
noch nicht mit Schlägern, sondern mit der Handfläche (jeu de
paume) gespielt.
Am modernen Tennis durften Frauen sich ab 1879 in Irland, ab 1884 in
Wimbledon
beteiligen. Alle Frauen spielten in langen Kleidern, nicht wenige in
hochhackigen Schuhen. Wenn es sich aber nicht um ein
Gesellschaftsvergnügen,
sondern um Sport handelte, mussten sich Frauen in Geduld üben.
Schwimmen dürfen
Frauen bei olympischen Spielen seit 1912, Fechten seit 1920,
Speerwerfen seit
1932, Weitspringen seit 1948, Dressurreiten seit 1952, Schießen
seit 1968,
Gehen seit 1992, Ringen seit 2004. Diese
Verzögerung war
freilich nicht nur der militärischen Nutzlosigkeit des
Frauensports geschuldet,
sondern seit dem Mittelalter zunehmend der Moral. Wie noch heute in
vielen
arabischen Ländern galt vor allem im 19. Jh. auch in Europa und
Amerika
Frauensport als zumindest unschicklich. Der Vorbehalt ergab sich nicht
aus
einem Bekleidungsproblem, das zwar unbequem, aber moralkonform sogar im
Iran
gelöst werden kann. Während Sport für Jungen im
Antimasturbationswahn als
ermüdende Ablenkung begrüßt wurde, war Sport (und ist
es in muslimischen
Ländern noch heute) gefährlich für Frauen, weil jede
sportliche Betätigung das
in patriarchalischen Gesellschaften kostbarste Gut einer Frau, das
Jungfernhäutchen, verletzen könnte. Was die Gegner des
Frauensports als
Fürsorge ausgaben entsprang in Wahrheit ihrer Angst vor dem
Kontrollverlust.
Immerhin gab es in Deutschland in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts
erste
Turnangebote für Mädchen, jedoch nicht für Frauen, damit
„auf den Wangen der
Jungfrauen die Rosen und Lilien der Gesundheit blühen und ihren
zarten
Gliederbau die Huldgöttinnen der Schönheit und Anmut
schmücken“. Louise Otto,
Mitbegründerin der deutschen Frauenbewegung, übernahm sogar
die Argumente der
Turnväter. Sie verlangte die Einführung des Turnunterrichts
auch für Mädchen,
weil er nicht nur der körperlichen Ertüchtigung, sondern auch
der
Nationalerziehung diene. Trotzdem dauerte es bis 1894, bis Frauen am
Deutschen
Turnfest teilnehmen durften. Wäre Sport wirklich so notwendig
für den Erhalt
der Gesundheit, wie seine Propagandisten behaupten, hätte die
Menschheit längst
aussterben müssen allein auf Grund der jahrtausendelangen
Sportabstinenz von
Frauen. Allerdings
spielte Sport
nach dem Untergang des römischen Reiches und bis ins 19. Jh. auch
für Männer
keine große Rolle. Manche machen dafür die Leibfeindlichkeit
des Christentums
verantwortlich, verwechseln dabei allerdings Lust und Leib. Die Lust
ist des Teufels,
den Leib wünschen sich auch Christen leistungsfähig. Gegen
Ritterturniere hatte
der Klerus wenig einzuwenden. Und auch derbe Kraftspiele, soweit sie
keinerlei
sexuelle Bedeutung hatten, waren als volksbelustigende Ablenkung den
geistlichen Herren durchaus willkommen.
Allein der Adel verbot dem Volk häufig Bewegungsspiele, freilich
nur, um deren
Exklusivität zu wahren. So
viel die Menschen auch
tobten und zogen, auf dem Eis liefen und sich prügelten, geschah
dies unter
Nichtsoldaten aus Jux und Tollerei. Niemand wäre im Mittelalter
auf die Idee
gekommen, freiwillig das Laufen zu üben. Man lief nur, wie heute
noch in
abgelegenen Weltgegenden, wenn man laufen musste, und wer ein Lasttier
besaß,
gar ein Gespann, überließ das Laufen den Habenichtsen. Auch
jeder
nichtmilitaristische Sportwettkampf war unvorstellbar. Wer am
schnellsten
schwamm, war nur ein schneller Schwimmer und in den Augen der meisten
auch noch
ein Narr. Plantschen machte Spaß, doch allzu oft ging niemand
freiwillig in
Flüsse, Seen oder gar ins Meer, denn noch dem Dümmsten war
klar, dass der
Mensch fürs Schwimmen nicht geschaffen ist. Wer es trotzdem
betrieb und aus
einem imaginären Wettbewerb als Sieger hervorgegangen wäre,
hätte davon nichts
gehabt. Über seine Stellung in einer Gruppe entschied nicht der
Podestplatz,
sondern die Kraft und Bereitschaft, Konkurrenten ganz ungeregelt
niederzuschlagen. Erst
der Kapitalismus schuf,
was wir unter Sport verstehen. Wie das Militär brauchte auch das
Kapital
leistungsfähiges Menschenmaterial. Darüber hinaus war es
zudem am
Konkurrenzverhalten interessiert, soweit dies die Arbeitsleistung
steigern
konnte. Schnelligkeit, Ausdauer, Belastbarkeit von Arbeitern und
neuerdings
auch Managern sind für das Kapital profitable Eigenschaften, die
entsprechend großzügig
gefördert und zunehmend auch gefordert wurden. Die von allen
Verlautbarungsorganen des Kapitals propagierten
Volksgesundheitskampagnen
wurden inzwischen von den meisten Menschen so verinnerlicht, dass sie
tatsächlich glauben, mit Joggen, Turnen oder dem Abrackern auf
Bewegungsapparaten würden sie sich etwas Gutes tun. In Wahrheit
steigern sie
nur ihre Verwertbarkeit. Interessant wäre ein Vergleich der
sportlichen
Betätigung von Angestellten und sehr reichen Erben. Ich bin mir
sicher,
Multimillionärserben spielen vielleicht Golf, segeln und
schlendern und werden
damit dennoch durchschnittlich älter als die strebsamen
Fitnessstudiobesucher. Der
kapitalistische Sport
par excellence ist das Mannschaftsspiel
mit dem Ball. Vor allem Fußball dient als optimales Training
für Lohnabhängige.
Er lehrt Durchsetzungsvermögen, Leistungsbereitschaft,
Zusammenarbeit, aber
auch Konkurrenzverhalten. Wer nicht die geforderte Leistung bringt,
wird
ausgewechselt. Nützlich für den Produktionsprozess sind vor
allem die Regeln,
über deren Einhaltung Schiedsrichter wachen. Spieler und Zuschauer
können deren
Entscheidungen noch so falsch finden, doch immer gilt, was der
Schiedsrichter
sagt. Wer ihm widerspricht, fliegt raus. Die Parallelen zur Arbeitswelt
sind
unübersehbar, nur spricht fast niemand darüber. Sogar ein
leitender
Sportbetreiber wie der deutsche Bundestrainer Löw akzeptierte
widerspruchslos
die schiedsrichterliche und vom Verband auch noch bestätigte
Willkürentscheidung, ihn bei der Fußball-Europameisterschaft
2008 wegen
lautstarker, doch nur fachlicher Äußerungen von seinen
Spielern zu trennen. Nur
der ebenfalls auf die Tribüne verwiesene österreichische
Trainer Josef
Hickersberger leistete sich, weil sein Rücktritt bereits
beschlossen war und er
nichts mehr zu verlieren hatte, Widerspruch: „Man behandelt uns wie
Tanzbären.
Ich will kein Tanzbär mehr sein.“ Die
Zirkusdirektoren der
UEFA brauchen sich auch vor Journalisten nicht zu fürchten. Wie
empört
reagieren die Medien, wenn afrikanische oder asiatische Regierungen zu
verhindern versuchen, dass Bilder von Chaos und Elend
veröffentlicht werden.
Genau diese Form der beschönigenden Zensur praktizierte die UEFA
bei der ihrer
Hoheit unterworfenen Übertragung der Europameisterschaft 2008.
Keine
Irritation, kein Zwischenfall wurde gezeigt, nur eine heile
Fußballwelt
vorgegaukelt. Bezeichnend für die Mentalität der
Fußballfunktionäre ist
wiederum ihr Umgang mit Frauen. So schien dem 1949 mit altem Personal
neugegründeten Deutschen Fußball-Bund dieser Sport so
unweiblich und nicht
frauengemäß, dass er ihn seinen Mitgliedsvereinen verbot.
Erst als
fußballbegeisterte Frauen 1970 drohten, einen eigenen
Fußballbund zu gründen,
wurde das Verbot, weil Macht schließlich doch wichtiger ist als
Moral,
aufgehoben. 2007 durfte sogar eine Frau als Schiedsrichterin zum ersten
Mal ein
Spiel der 2. Fußball-Bundesliga leiten. Das
Schönste aber am Sport
im Kapitalismus ist, dass er nicht nur leistungssteigernd und
autoritätsbestätigend wirkt, sondern auch ein riesiges
Geschäft ermöglicht. Rund
170 000 Sportstätten, fast doppelt so viel, wie es Arztpraxen in
Deutschland
gibt, wollen gebaut, betrieben, in Stand gehalten werden.
Annähernd 4
Milliarden Euro geben Bund, Länder und Kommunen jährlich
für die Sportförderung
aus. Weit über 20 Milliarden Euro im Jahr lassen sich die 27
Millionen im
Sportdachverband DOSB organisierten Bundesbürger ihre sportlichen
Aktivitäten
kosten, nicht mitgerechnet die Milliarden, die für
Wettkampfbesuche,
Pay-TV-Übetragungen, Fanartikel etc. ausgegeben werden. Sport
raubt dem
Menschen auch die ökonomische Vernunft. Während sich Manager
vor allem in
Deutschland wegen marktüblicher Millionengehälter
schmähen lassen müssen,
werden Millionengehälter für Fußballspieler und andere
Sportler anstandslos
akzeptiert. Nicht
unwesentlich für das
Bruttosozialprodukt sind die Sportunfälle. Nach der jüngsten
Statistik
ereigneten sich im Jahre 2000 (!) 1,46 Millionen Sportunfälle in
Deutschland,
die einen Arztbesuch notwendig machten. Die durchschnittliche
Beeinträchtigungsdauer je Unfall betrug 31 Tage. 191 260
Sportunfallopfer
mussten durchschnittlich 8 Tage lang stationär behandelt werden.
Ca. 10 000
Menschen jährlich treibt der Sport in Deutschland in die
Invalidität, ungefähr
1000 Menschen kostet er jährlich das Leben. Nicht
berücksichtigt dabei sind die
tödlichen Radfahr- und Inlineskaterunfälle sowie
Sportunfälle von Bundesbürgern
im Ausland. Wer exakte Zahlen sucht, macht die Erfahrung, dass sie
nicht
interessieren (sollen?). Die
Irrationalität im Sport
(rational ist nur seine Zielsetzung und ökonomische Verwertung)
lässt sich auch
an der Begeisterung für erfolgreiche Tennisspieler oder
Eiskunstläuferinnen
erkennen. Menschen, die jede ökonomisch meist notwendige
Kinderarbeit in Asien
und Afrika auf das Schärfte verurteilen, jubeln Sportlern zu, die
seit früher
Kindheit täglich stundenlang trainieren mussten, um eines Tages
vielleicht
Champion zu werden. In dieser Abrichtung die Kinderarbeit zu erkennen
sind
solche Menschenfreunde nicht in der Lage. Aber
vielleicht entdecken
wenigstens die Grünen noch den Sport als Problem? Jeder Mensch in
Bewegung gibt
ca. 75 Watt ab. Würden die Bundesbürger statt zu joggen und
turnen Dynamos
antreiben, könnte die dadurch gewonnene Energie einige
Kohlekraftwerke
ersetzen. Dies würde zwar nicht den immensen
Kohlendioxidausstoß bei
sportlichen Betätigungen reduzieren, doch die Schadstoffbilanz
wesentlich
verbessern. Wer
über Sport nachdenkt
muss sich bemühen, nicht so albern zu werden wie z. B. die
Thailänder, wenn sie
westliche Touristen auf Fahrrädern sehen. Zu Recht halten sie
diese Radfahrer
für reich genug, um sich ein Auto, zumindest ein Moped leisten zu
können. Warum
strampeln sie sich dann bei über 30 Grad im Schatten ab? Warum
laufen Zigtausend über
42 Kilometer durch Städte, in denen es Busse und Bahnen gibt, die
freilich
während der Marathonläufe ihren Betrieb einstellen
müssen? Warum schwimmen
Menschen stundenlang, statt sich von einem der zahlreichen Begleitboote
mitnehmen zu lassen? Warum springen Läufer über Hürden,
die es nur auf Sportplätzen
gibt? Warum also üben, quälen sich Sportler in Disziplinen,
in denen Tiere
meistens besser sind, statt ihre Energie für die Fähigkeit zu
verwenden, in der
Menschen allen Tieren überlegen sind, fürs Denken? Ermutigend
allein ist zu
beobachten, wie konsequent auch im Sport die von Menschen betriebenen
Entwicklungen die Bedingungen verändern, Ideologien
lächerlich machen. Während
von den Sportlern immer übermenschlichere Leistungen erwartet
wurden,
verteidigten die Verbände und Komitees bis vor wenige Jahre die
Fiktion
Amateur. Fast hundert Jahre lang weigerten sich die olympischen
Funktionäre,
Sportler starten zu lassen, die für ihre Arbeit bezahlt wurden,
ohne Soldaten
zu sein. Noch 1972 wurde der Skifahrer Karl Schranz von der Teilnahme
an den
Olympischen Spielen in Sapporo ausgeschlossen, weil er während
eines
Benefiz-Fußballspiels im Jahre zuvor ein Leibchen mit
Kaffeewerbung getragen
hatte. Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die
längst absurden
Amateurregeln aufgehoben, nur Boxer müssen sich bei Olympischen
Spielen immer
noch als Amateure tarnen. Während
England als
Mutterland des Kapitalismus seit 1897 den Profifußball kennt,
hielt der DFB bis
in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts am Amateurmythos fest. Heute, da
Fußballstars Millionen Euro im Jahr verdienen, wirkt die
Rigorosität des DFB
auch auf den unbedarften Zuschauer so albern, wie sie es schon 1930
war: Als
damals bekannt wurde, dass Spieler des FC Schalke 04 mehr als die
erlaubten 5
Reichsmark Prämie erhielten, wurden sie vom DFB lebenslang
gesperrt. Allein das
Gerücht, es könnte ein weniger amateurfixierter
Konkurrenzverband gegründet
werden, veranlasste den DFB dann doch, die Spieler nach nur einem Jahr
zu
begnadigen. Aber erst mit Einführung der Fußball-Bundesliga
1963 akzeptierten
die Fußballfunktionäre den Profistatus für
Fußballspieler. Spitzensportler
wird man
nicht in seiner Freizeit und nicht mit seinem Taschengeld, und
Spitzenleistungen erzielt man nicht ohne anregende Mittel. Kann jemand
wirklich
so naiv sein und im Fernsehsessel manche Bergetappe der Tour de France
unmenschlich nennen ohne zu ahnen, dass die bejubelte Leistung der
Radrennfahrer nicht allein dem Nudelkonsum zu verdanken ist? Doping ist
Teil
des Leistungssports seit seinem Entstehen. Ob nun eine
ausgeklügelte Ernährung,
besondere Tees, Aspirin oder gleich das einst im Sport weit verbreitete
Kokain
die Leistung steigerte, Doping war und ist notwendig, um Siegeschancen
zu haben
im nicht nur sportlichen Wettkampf. Interessant wäre es
herauszufinden, was 1967
das IOC tatsächlich veranlasst hat, jedes Doping zu verbieten.
Geschah es aus
Sorge um die Gesundheit der Sportler oder war es der Versuch, die
Chancengleichheit zwischen Sportlern aus hochentwickelten und
unterentwickelten
Dopingländern wiederherzustellen? Sah man einen Zusammenhang
zwischen den
Erfolgen der Sportler aus der SU, den USA sowie beiden
Deutschländern und den
Stand der pharmazeutischen Forschung in diesen Staaten? Jedenfalls
nützen
Dopingverbote und die zu ihrer Einhaltung notwendigen Kontrollen dem
Machtstreben der Sportverbände. Die
Überwachungsmaßnahmen sind, wie jüngst der
Diskus-Olympiasieger und –Weltmeister Lars Riedel bestätigte,
entwürdigend. Sie
machen den Sportler klein und somit untertänig, zumal das
Kontrollergebnis
manipulierbar ist. Erfahrene, was fast immer bedeutet: an Schmerzen
leidende
Sportler wissen, dass es sehr einfach ist, einen Athleten gezielt
„positiv“ zu
machen. Besser also, er stellt sich gut mit dem Verband und vermeidet
jede
Kritik. Ganz
abgesehen davon, dass Doping
als „konstituierendes Prinzip des Leistungssports“ (Gert G. Wagner)
niemals
ausrottbar sein wird, weil nur verboten werden kann, was schon bekannt
ist, und
es kaum praktikabel scheint, eine Grenze zu ziehen zwischen erlaubten
und
verbotenen Dosen leistungssteigernder natürlicher Mittel, auf die
verschiedene
Menschen unterschiedlich reagieren, ist gar nicht Doping das Problem,
sondern
der Leistungssport. Nur Heuchler können von einem Sportler
erwarten, dass er
100 m in weniger als 10 Sekunden läuft ohne Nachhilfe. Die ganze
Dopingdiskussion trieft vor Verlogenheit. Tatsächlich ist die
Knochenmühle
Leistungssport eine Zuschauergaudi auf Kosten der Gesundheit der
Darsteller,
die entsprechend gut für ihre Risikobereitschaft bezahlt
gehören. In einem Interview
in der FAZ vom 3.7.2008 warnte der Sportsoziologe Karl Heinrich Bette:
“Ich
vermute, dass eine Doping-Freigabe den Sport vollends zerstören
würde.“ Die
Befürchtung ist mir Hoffnung. Eine Doping-Freigabe würde die
Showqualität und
damit die kommerzielle Verwertbarkeit des Leistungssports noch
steigern, ihn
aber seiner Funktion als ideologisches Zuchtmittel berauben.
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