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a . Sport im Kapitalismus 

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Sport ist eine der eigentümlichsten Tätigkeiten der Menschen. Kein anderes Lebewesen treibt Sport. Tiere toben gelegentlich herum, balgen sich, spielen. Meistens aber bewegen sie sich nur auf der Suche nach Nahrung, zur Gefahrenabwehr, Fortpflanzung oder als Tribut an die Hackordnung. Nie käme ein Tier auf die Idee, das Laufen, Springen, Schwimmen zu üben, um sich mit anderen zu messen.

Erst die sehr viel komplexere menschliche Intelligenz ersann sich zur Leistungssteigerung den Sport. Wer nicht nur der Not gehorchend, sondern zusätzlich lief, warf, sprang, war bald anderen überlegen bei der Jagd und der Gewinnung von Sexualkontakten. Jede Übung zahlte sich aus.

Die Klügsten freilich ließen schon immer andere für sich laufen, werfen, springen. Um ihre Macht zu sichern, zu erweitern, brauchten die Häuptlinge gut ausgebildete Krieger. Daher förderten sie den Kampfsport in Friedenszeiten. Sport, hierin liegt der wesentliche Unterschied zum Spiel, war nie Selbstzweck, nur Vorbereitung auf den ganz und gar unsportlichen (Überlebens-)Kampf.

Schon die Olympischen Spiele der Antike waren keine Friedensfeste. Im Schatzhaus des heiligen Bezirks von Olympia wurden Kriegsrüstungen aufbewahrt, die an militärische Siege über andere Gemeinden erinnerten. Alle damals praktizierten Sportarten dienten vor allem der militärischen Ertüchtigung, wobei die Attraktivität für die ausschließlich männlichen Zuschauer wohl weniger in den sportlichen Leistungen lag als in der Nacktheit der oft sehr jungen Athleten. Für Frauen gab es zwischen den olympischen Spielen, vergleichbar mit den heutigen Paralympics, auch Frauenspiele, die freilich kaum überliefert wurden. Denn abgesehen davon, dass die Sportlerinnen züchtig bekleidet auftraten, brauchte man damals keine Kriegerinnen mehr, sodass Frauensport als überflüssig galt und nur mehr als traditionelle pflichtschuldige Huldigung an immer unbedeutender werdende Göttinnen praktiziert wurde.

Noch die vom Baron Pierre de Coubertin wiederbelebten Olympischen Spiele der Neuzeit begannen 1896 frauenlos. Trotz aller völkerverständigen Beteuerungen entsprang auch die olympische Idee der Gegenwart militaristischem Denken. Coubertin sah in der mangelnden körperlichen Ertüchtigung der Soldaten eine der Hauptursachen für die Niederlage der Franzosen im Deutsch-Französischen Krieg 1870-71. Die olympischen Spiele sollten Abhilfe schaffen. Da die Herrschenden aller Völker ein großes Interesse an schlagkräftigen Armeen hatten, war die olympische Idee ein Selbstläufer. Wie sehr sie vom militaristischen Denken geprägt war, zeigt die Tatsache, dass Coubertin als begeisterter Pistolenschütze das Schießen zu den von Beginn an olympiawürdigen Sportarten bestimmte und am Vielseitigkeitsreiten zunächst nur Offiziere teilnehmen durften. Noch heute beherrschen in vielen Disziplinen Sportsoldaten, also Soldaten, die auf Kosten der Kriegs- und Verteidigungsministerien zu Leistungssportlern ausgebildet werden, das Teilnehmerfeld. Allein die Bundeswehr gibt jährlich 25 Millionen Euro für diese Sportförderung aus. Von den 437 deutschen Sportlerinnen und Sportlern, die an den Olympischen Spielen 2008 in Peking teilnahmen, wurden 127 von der Bundeswehr entsandt.

Noch reaktionärer als Herr Coubertin war der deutsche Turnvater Jahn, ein Franzosen- und Judenhasser, der sich vor Sehnsucht nach dem Krieg verzehrte. Um die Volks- und Wehrkraft des deutschen Volkes zu heben eröffnete er 1811 in Berlin den ersten öffentlichen Turnplatz. Darüber hinaus beteiligte er sich am Lützower Freikorps. Gewiss nicht trotzdem, sondern deswegen wurde er zum Vorbild für Turnlehrer und Sportfunktionäre, sind immer noch Schulen und Wettkampfstätten nach ihm benannt. Und als endlich die Nazis an die Macht kamen in Deutschland, gehörten Sportfunktionäre zu ihren willigsten Erfüllungsgehilfen. Bereits im April 1933 schlossen viele Sportverbände Juden aus: der Deutsche Schwimmerverband, beide Boxsportverbände, der Verband brandenburgischer Athleten, der Süddeutsche Fußball- und Leichtathletikverband, fast alle Tennisvereine. Ganz vorne im „Wettlauf um die Gunst der freudig begrüßten neuen Machthaber“ (Hajo Bernett) agierte die Deutsche Turnerschaft. Rassistischer noch als die Nazigesetzgebung verbot sie sogar „Vierteljuden“ das Turnen mit Deutschen. Die deutschen Sportverbände betrieben die Arisierung des Sports so begeistert, dass selbst Adolf Hitler Mäßigung forderte.

All dies blieb lange hinter dem Schleier der Mär vom unpolitischen Sport verborgen. Dieser Mythos wird bis heute verkündet und geglaubt. Doch trotz aller Völkerverständigungsbeteuerungen ist auch der moderne Sport eine Brutstätte des Nationalismus und Kriegsersatz in Friedenszeiten. Eines der bei Sportlehrern beliebtesten und entsprechend dummen Mannschaftsspiele im Nachkriegsdeutschland war Völkerball. In ihm geht es darum, möglichst viele Spieler der gegnerischen Mannschaft abzuschießen, zu eliminieren. Der Name Völkerball verschleiert nicht einmal den kriegerischen Charakter des Spiels, obwohl bundesdeutsche Schülermannschaften sich nicht mehr wie in der Zwischenkriegszeit mit Nationennamen – am beliebtesten war  B-Mannschaft „Frankreich“ gegen A-Mannschaft „Deutschland“ – gegenübertraten.

Auch im 21. Jh. machen Nationalhymnen und Nationalflaggen internationale Sportveranstaltungen zu nationalen Weihefeiern. Nicht die Sportler einer Disziplin, sondern einer Nation marschieren gemeinsam bei den olympischen Spielen in die Stadien ein, und jede Nation, die Siegeschancen hat, stiert täglich auf den Medaillenspiegel.

Überhaupt sind die meisten Zuschauer weniger am Sport als an den Bestleistungen ihrer Landsleute interessiert. Veranstaltungen, gleich welcher Disziplin, in denen Mitbürger dominieren, werden in aller Ausführlichkeit übertragen und von Millionen verfolgt. Findet der gleiche Wettkampf, z. B. das Tennisturnier in Wimbledon, wenige Jahre später ohne chancenreiche Mitbürger statt, interessiert sich kaum noch jemand dafür. Sport, der angeblich Nationalismen überwinden soll, kann eine gruselig nationalistische Veranstaltung sein.

Die reaktionären Wurzeln des Sports lassen sich auch an seinem Verhältnis zu Frauen erkennen. Von der Antike bis ins 20. Jh. durften Frauen im Leistungssport keine Rolle spielen. Während die Männer der Frühzeit jagten und Kriege führten, gebaren Frauen Kinder und zogen sie groß. Im Unterschied zu den Männern lebten sie daher häufiger stationär und erfanden dabei den Ackerbau. Für Landwirtschaft, Kinderaufzucht und Haushaltsführung bedarf es allerdings mehr intellektueller als muskulöser Fähigkeiten. Wahrscheinlich war es diese intellektuelle Schulung der Frauen, die tumben Muskelprotzen allmählich gefährlich wurde und sie aus Selbstschutz zwang, Frauen zu unterdrücken. Denn was ist Frauenunterdrückung anderes als der Versuch, Frauen an der nicht nur intellektuellen Weiterentwicklung, Selbstverwirklichung zu hindern? Da es Sklaverei längst gab, hätten die Herrschenden mit ihrem männlichen Anhang zur Gewinnung gefügiger Arbeitstiere Frauen auch nichtsexistisch einem Arbeitszwang unterwerfen können. Doch Zweck der Frauenunterdrückung war nie ihre Ausbeutung als Arbeitskraft, sondern die Beschränkung ihres Denkvermögens, um ihre intellektuelle Vorherrschaft zu verhindern. Sport war der erfolgreiche Versuch, weibliche Intelligenz durch männliche Kraft im Zaum zu halten. Dafür musste Sport allerdings eine männliche Domäne bleiben. Da bis ins 20. Jh. auch im Krieg Frauen nur für Lust und Pflege gebraucht wurden, wofür andere als sportliche Qualitäten gefragt waren, entfielen auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen einer Frauensportförderung. Daher dauerte es nach Coubertins Wiederbelebung der olympischen Idee noch Jahrzehnte, bis Frauen an den Spielen teilnehmen durften.

Immerhin Tennis und Golf, die freilich weniger als Sportarten denn als adeliges und später auch großbürgerliches Freizeitvergnügen galten, waren Frauen schon im 15. Jahrhundert erlaubt. Bereits 1422 soll eine Margot aus Hennegau als erste Profitennisspielerin am Hofe Philipps des Guten gearbeitet haben. Damals wurde noch nicht mit Schlägern, sondern mit der Handfläche (jeu de paume) gespielt. Am modernen Tennis durften Frauen sich ab 1879 in Irland, ab 1884 in Wimbledon beteiligen. Alle Frauen spielten in langen Kleidern, nicht wenige in hochhackigen Schuhen. Wenn es sich aber nicht um ein Gesellschaftsvergnügen, sondern um Sport handelte, mussten sich Frauen in Geduld üben. Schwimmen dürfen Frauen bei olympischen Spielen seit 1912, Fechten seit 1920, Speerwerfen seit 1932, Weitspringen seit 1948, Dressurreiten seit 1952, Schießen seit 1968, Gehen seit 1992, Ringen seit 2004.

Diese Verzögerung war freilich nicht nur der militärischen Nutzlosigkeit des Frauensports geschuldet, sondern seit dem Mittelalter zunehmend der Moral. Wie noch heute in vielen arabischen Ländern galt vor allem im 19. Jh. auch in Europa und Amerika Frauensport als zumindest unschicklich. Der Vorbehalt ergab sich nicht aus einem Bekleidungsproblem, das zwar unbequem, aber moralkonform sogar im Iran gelöst werden kann. Während Sport für Jungen im Antimasturbationswahn als ermüdende Ablenkung begrüßt wurde, war Sport (und ist es in muslimischen Ländern noch heute) gefährlich für Frauen, weil jede sportliche Betätigung das in patriarchalischen Gesellschaften kostbarste Gut einer Frau, das Jungfernhäutchen, verletzen könnte. Was die Gegner des Frauensports als Fürsorge ausgaben entsprang in Wahrheit ihrer Angst vor dem Kontrollverlust. Immerhin gab es in Deutschland in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts erste Turnangebote für Mädchen, jedoch nicht für Frauen, damit „auf den Wangen der Jungfrauen die Rosen und Lilien der Gesundheit blühen und ihren zarten Gliederbau die Huldgöttinnen der Schönheit und Anmut schmücken“. Louise Otto, Mitbegründerin der deutschen Frauenbewegung, übernahm sogar die Argumente der Turnväter. Sie verlangte die Einführung des Turnunterrichts auch für Mädchen, weil er nicht nur der körperlichen Ertüchtigung, sondern auch der Nationalerziehung diene. Trotzdem dauerte es bis 1894, bis Frauen am Deutschen Turnfest teilnehmen durften. Wäre Sport wirklich so notwendig für den Erhalt der Gesundheit, wie seine Propagandisten behaupten, hätte die Menschheit längst aussterben müssen allein auf Grund der jahrtausendelangen Sportabstinenz von Frauen.

Allerdings spielte Sport nach dem Untergang des römischen Reiches und bis ins 19. Jh. auch für Männer keine große Rolle. Manche machen dafür die Leibfeindlichkeit des Christentums verantwortlich, verwechseln dabei allerdings Lust und Leib. Die Lust ist des Teufels, den Leib wünschen sich auch Christen leistungsfähig. Gegen Ritterturniere hatte der Klerus wenig einzuwenden. Und auch derbe Kraftspiele, soweit sie keinerlei sexuelle Bedeutung hatten, waren als volksbelustigende Ablenkung den geistlichen Herren durchaus  willkommen. Allein der Adel verbot dem Volk häufig Bewegungsspiele, freilich nur, um deren Exklusivität zu wahren.

So viel die Menschen auch tobten und zogen, auf dem Eis liefen und sich prügelten, geschah dies unter Nichtsoldaten aus Jux und Tollerei. Niemand wäre im Mittelalter auf die Idee gekommen, freiwillig das Laufen zu üben. Man lief nur, wie heute noch in abgelegenen Weltgegenden, wenn man laufen musste, und wer ein Lasttier besaß, gar ein Gespann, überließ das Laufen den Habenichtsen. Auch jeder nichtmilitaristische Sportwettkampf war unvorstellbar. Wer am schnellsten schwamm, war nur ein schneller Schwimmer und in den Augen der meisten auch noch ein Narr. Plantschen machte Spaß, doch allzu oft ging niemand freiwillig in Flüsse, Seen oder gar ins Meer, denn noch dem Dümmsten war klar, dass der Mensch fürs Schwimmen nicht geschaffen ist. Wer es trotzdem betrieb und aus einem imaginären Wettbewerb als Sieger hervorgegangen wäre, hätte davon nichts gehabt. Über seine Stellung in einer Gruppe entschied nicht der Podestplatz, sondern die Kraft und Bereitschaft, Konkurrenten ganz ungeregelt niederzuschlagen.

Erst der Kapitalismus schuf, was wir unter Sport verstehen. Wie das Militär brauchte auch das Kapital leistungsfähiges Menschenmaterial. Darüber hinaus war es zudem am Konkurrenzverhalten interessiert, soweit dies die Arbeitsleistung steigern konnte. Schnelligkeit, Ausdauer, Belastbarkeit von Arbeitern und neuerdings auch Managern sind für das Kapital profitable Eigenschaften, die entsprechend großzügig gefördert und zunehmend auch gefordert wurden. Die von allen Verlautbarungsorganen des Kapitals propagierten Volksgesundheitskampagnen wurden inzwischen von den meisten Menschen so verinnerlicht, dass sie tatsächlich glauben, mit Joggen, Turnen oder dem Abrackern auf Bewegungsapparaten würden sie sich etwas Gutes tun. In Wahrheit steigern sie nur ihre Verwertbarkeit. Interessant wäre ein Vergleich der sportlichen Betätigung von Angestellten und sehr reichen Erben. Ich bin mir sicher, Multimillionärserben spielen vielleicht Golf, segeln und schlendern und werden damit dennoch durchschnittlich älter als die strebsamen Fitnessstudiobesucher.

Der kapitalistische Sport par excellence  ist das Mannschaftsspiel mit dem Ball. Vor allem Fußball dient als optimales Training für Lohnabhängige. Er lehrt Durchsetzungsvermögen, Leistungsbereitschaft, Zusammenarbeit, aber auch Konkurrenzverhalten. Wer nicht die geforderte Leistung bringt, wird ausgewechselt. Nützlich für den Produktionsprozess sind vor allem die Regeln, über deren Einhaltung Schiedsrichter wachen. Spieler und Zuschauer können deren Entscheidungen noch so falsch finden, doch immer gilt, was der Schiedsrichter sagt. Wer ihm widerspricht, fliegt raus. Die Parallelen zur Arbeitswelt sind unübersehbar, nur spricht fast niemand darüber. Sogar ein leitender Sportbetreiber wie der deutsche Bundestrainer Löw akzeptierte widerspruchslos die schiedsrichterliche und vom Verband auch noch bestätigte Willkürentscheidung, ihn bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 wegen lautstarker, doch nur fachlicher Äußerungen von seinen Spielern zu trennen. Nur der ebenfalls auf die Tribüne verwiesene österreichische Trainer Josef Hickersberger leistete sich, weil sein Rücktritt bereits beschlossen war und er nichts mehr zu verlieren hatte, Widerspruch: „Man behandelt uns wie Tanzbären. Ich will kein Tanzbär mehr sein.“

Die Zirkusdirektoren der UEFA brauchen sich auch vor Journalisten nicht zu fürchten. Wie empört reagieren die Medien, wenn afrikanische oder asiatische Regierungen zu verhindern versuchen, dass Bilder von Chaos und Elend veröffentlicht werden. Genau diese Form der beschönigenden Zensur praktizierte die UEFA bei der ihrer Hoheit unterworfenen Übertragung der Europameisterschaft 2008. Keine Irritation, kein Zwischenfall wurde gezeigt, nur eine heile Fußballwelt vorgegaukelt. Bezeichnend für die Mentalität der Fußballfunktionäre ist wiederum ihr Umgang mit Frauen. So schien dem 1949 mit altem Personal neugegründeten Deutschen Fußball-Bund dieser Sport so unweiblich und nicht frauengemäß, dass er ihn seinen Mitgliedsvereinen verbot. Erst als fußballbegeisterte Frauen 1970 drohten, einen eigenen Fußballbund zu gründen, wurde das Verbot, weil Macht schließlich doch wichtiger ist als Moral, aufgehoben. 2007 durfte sogar eine Frau als Schiedsrichterin zum ersten Mal ein Spiel der 2. Fußball-Bundesliga leiten.

Das Schönste aber am Sport im Kapitalismus ist, dass er nicht nur leistungssteigernd und autoritätsbestätigend wirkt, sondern auch ein riesiges Geschäft ermöglicht. Rund 170 000 Sportstätten, fast doppelt so viel, wie es Arztpraxen in Deutschland gibt, wollen gebaut, betrieben, in Stand gehalten werden. Annähernd 4 Milliarden Euro geben Bund, Länder und Kommunen jährlich für die Sportförderung aus. Weit über 20 Milliarden Euro im Jahr lassen sich die 27 Millionen im Sportdachverband DOSB organisierten Bundesbürger ihre sportlichen Aktivitäten kosten, nicht mitgerechnet die Milliarden, die für Wettkampfbesuche, Pay-TV-Übetragungen, Fanartikel etc. ausgegeben werden. Sport raubt dem Menschen auch die ökonomische Vernunft. Während sich Manager vor allem in Deutschland wegen marktüblicher Millionengehälter schmähen lassen müssen, werden Millionengehälter für Fußballspieler und andere Sportler anstandslos akzeptiert.

Nicht unwesentlich für das Bruttosozialprodukt sind die Sportunfälle. Nach der jüngsten Statistik ereigneten sich im Jahre 2000 (!) 1,46 Millionen Sportunfälle in Deutschland, die einen Arztbesuch notwendig machten. Die durchschnittliche Beeinträchtigungsdauer je Unfall betrug 31 Tage. 191 260 Sportunfallopfer mussten durchschnittlich 8 Tage lang stationär behandelt werden. Ca. 10 000 Menschen jährlich treibt der Sport in Deutschland in die Invalidität, ungefähr 1000 Menschen kostet er jährlich das Leben. Nicht berücksichtigt dabei sind die tödlichen Radfahr- und Inlineskaterunfälle sowie Sportunfälle von Bundesbürgern im Ausland. Wer exakte Zahlen sucht, macht die Erfahrung, dass sie nicht interessieren (sollen?).

Die Irrationalität im Sport (rational ist nur seine Zielsetzung und ökonomische Verwertung) lässt sich auch an der Begeisterung für erfolgreiche Tennisspieler oder Eiskunstläuferinnen erkennen. Menschen, die jede ökonomisch meist notwendige Kinderarbeit in Asien und Afrika auf das Schärfte verurteilen, jubeln Sportlern zu, die seit früher Kindheit täglich stundenlang trainieren mussten, um eines Tages vielleicht Champion zu werden. In dieser Abrichtung die Kinderarbeit zu erkennen sind solche Menschenfreunde nicht in der Lage.

Aber vielleicht entdecken wenigstens die Grünen noch den Sport als Problem? Jeder Mensch in Bewegung gibt ca. 75 Watt ab. Würden die Bundesbürger statt zu joggen und turnen Dynamos antreiben, könnte die dadurch gewonnene Energie einige Kohlekraftwerke ersetzen. Dies würde zwar nicht den immensen Kohlendioxidausstoß bei sportlichen Betätigungen reduzieren, doch die Schadstoffbilanz wesentlich verbessern.

Wer über Sport nachdenkt muss sich bemühen, nicht so albern zu werden wie z. B. die Thailänder, wenn sie westliche Touristen auf Fahrrädern sehen. Zu Recht halten sie diese Radfahrer für reich genug, um sich ein Auto, zumindest ein Moped leisten zu können. Warum strampeln sie sich dann bei über 30 Grad im Schatten ab?

Warum laufen Zigtausend über 42 Kilometer durch Städte, in denen es Busse und Bahnen gibt, die freilich während der Marathonläufe ihren Betrieb einstellen müssen? Warum schwimmen Menschen stundenlang, statt sich von einem der zahlreichen Begleitboote mitnehmen zu lassen? Warum springen Läufer über Hürden, die es nur auf Sportplätzen gibt? Warum also üben, quälen sich Sportler in Disziplinen, in denen Tiere meistens besser sind, statt ihre Energie für die Fähigkeit zu verwenden, in der Menschen allen Tieren überlegen sind, fürs Denken?

Ermutigend allein ist zu beobachten, wie konsequent auch im Sport die von Menschen betriebenen Entwicklungen die Bedingungen verändern, Ideologien lächerlich machen. Während von den Sportlern immer übermenschlichere Leistungen erwartet wurden, verteidigten die Verbände und Komitees bis vor wenige Jahre die Fiktion Amateur. Fast hundert Jahre lang weigerten sich die olympischen Funktionäre, Sportler starten zu lassen, die für ihre Arbeit bezahlt wurden, ohne Soldaten zu sein. Noch 1972 wurde der Skifahrer Karl Schranz von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Sapporo ausgeschlossen, weil er während eines Benefiz-Fußballspiels im Jahre zuvor ein Leibchen mit Kaffeewerbung getragen hatte. Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die längst absurden Amateurregeln aufgehoben, nur Boxer müssen sich bei Olympischen Spielen immer noch als Amateure tarnen.

Während England als Mutterland des Kapitalismus seit 1897 den Profifußball kennt, hielt der DFB bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts am Amateurmythos fest. Heute, da Fußballstars Millionen Euro im Jahr verdienen, wirkt die Rigorosität des DFB auch auf den unbedarften Zuschauer so albern, wie sie es schon 1930 war: Als damals bekannt wurde, dass Spieler des FC Schalke 04 mehr als die erlaubten 5 Reichsmark Prämie erhielten, wurden sie vom DFB lebenslang gesperrt. Allein das Gerücht, es könnte ein weniger amateurfixierter Konkurrenzverband gegründet werden, veranlasste den DFB dann doch, die Spieler nach nur einem Jahr zu begnadigen. Aber erst mit Einführung der Fußball-Bundesliga 1963 akzeptierten die Fußballfunktionäre den Profistatus für Fußballspieler.

Spitzensportler wird man nicht in seiner Freizeit und nicht mit seinem Taschengeld, und Spitzenleistungen erzielt man nicht ohne anregende Mittel. Kann jemand wirklich so naiv sein und im Fernsehsessel manche Bergetappe der Tour de France unmenschlich nennen ohne zu ahnen, dass die bejubelte Leistung der Radrennfahrer nicht allein dem Nudelkonsum zu verdanken ist? Doping ist Teil des Leistungssports seit seinem Entstehen. Ob nun eine ausgeklügelte Ernährung, besondere Tees, Aspirin oder gleich das einst im Sport weit verbreitete Kokain die Leistung steigerte, Doping war und ist notwendig, um Siegeschancen zu haben im nicht nur sportlichen Wettkampf. Interessant wäre es herauszufinden, was 1967 das IOC tatsächlich veranlasst hat, jedes Doping zu verbieten. Geschah es aus Sorge um die Gesundheit der Sportler oder war es der Versuch, die Chancengleichheit zwischen Sportlern aus hochentwickelten und unterentwickelten Dopingländern wiederherzustellen? Sah man einen Zusammenhang zwischen den Erfolgen der Sportler aus der SU, den USA sowie beiden Deutschländern und den Stand der pharmazeutischen Forschung in diesen Staaten?

Jedenfalls nützen Dopingverbote und die zu ihrer Einhaltung notwendigen Kontrollen dem Machtstreben der Sportverbände. Die Überwachungsmaßnahmen sind, wie jüngst der Diskus-Olympiasieger und –Weltmeister Lars Riedel bestätigte, entwürdigend. Sie machen den Sportler klein und somit untertänig, zumal das Kontrollergebnis manipulierbar ist. Erfahrene, was fast immer bedeutet: an Schmerzen leidende Sportler wissen, dass es sehr einfach ist, einen Athleten gezielt „positiv“ zu machen. Besser also, er stellt sich gut mit dem Verband und vermeidet jede Kritik.

Ganz abgesehen davon, dass Doping als „konstituierendes Prinzip des Leistungssports“ (Gert G. Wagner) niemals ausrottbar sein wird, weil nur verboten werden kann, was schon bekannt ist, und es kaum praktikabel scheint, eine Grenze zu ziehen zwischen erlaubten und verbotenen Dosen leistungssteigernder natürlicher Mittel, auf die verschiedene Menschen unterschiedlich reagieren, ist gar nicht Doping das Problem, sondern der Leistungssport. Nur Heuchler können von einem Sportler erwarten, dass er 100 m in weniger als 10 Sekunden läuft ohne Nachhilfe. Die ganze Dopingdiskussion trieft vor Verlogenheit. Tatsächlich ist die Knochenmühle Leistungssport eine Zuschauergaudi auf Kosten der Gesundheit der Darsteller, die entsprechend gut für ihre Risikobereitschaft bezahlt gehören. In einem Interview in der FAZ vom 3.7.2008 warnte der Sportsoziologe Karl Heinrich Bette: “Ich vermute, dass eine Doping-Freigabe den Sport vollends zerstören würde.“ Die Befürchtung ist mir Hoffnung. Eine Doping-Freigabe würde die Showqualität und damit die kommerzielle Verwertbarkeit des Leistungssports noch steigern, ihn aber seiner Funktion als ideologisches Zuchtmittel berauben.


© 2008 Karl Pawek
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