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a . Lob der Sprichwörter
. Wer Musikantenstadel oder Love-Paraden oder die Sprache der BILD-Zeitung für volkstümlich hält, weil er die dem Volk zugedachten Äußerungen mit den aus dem Volk stammenden verwechselt, wird dem Begriff „volkstümlich“ nicht viel abgewinnen können. Die Älteren unter uns erinnern zudem noch, welch Schindluder die Nationalsozialisten mit dem Volkstum treiben konnten. Da ist es nicht verwunderlich, dass vielen, vor allem jüngeren Menschen Sprichwörter suspekt erscheinen. Wer als Kind sie über sich ergehen lassen musste, erinnert sie als reaktionäres Zeug, frömmelnde Anleitung, peinliches Lob der Anpassung. Heute werden sie zumeist mit Stammtischgeschwätz assoziiert und tauchen daher in seriösen Texten kaum noch auf. Früher war dies anders, Marx z. B. hat häufig und meist zustimmend Sprichwörter zitiert, und im Werk Bertold Brechts zählte der Literaturwissenschaftler Wolfgang Mieder immerhin 513 Sprichwörter und 2394 Redensarten.
Obwohl Sprichwörter seit dem Beginn schriftlicher Überlieferung im 4. Jahrtausend v. Chr. nachweisbar sind, spielen sie in unseren Tagen kaum noch eine Rolle. Da die meisten in Vergessenheit gerieten, kann mancher Redner klüger scheinen als er ist. Gorbatschows Feststellung z. B., „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, gilt als geniale Formulierung, obwohl sie nur eine Erkenntnis aufgreift, die bereits vor Jahrhunderten in zahlreichen deutschen Sprichwörtern ausgesprochen wurde: Wer die Gelegenheit versäumt, dem weist sie den Hintern. Wer zu spät kommt, hat das Nachsehen. Wer zu spät kommt, wird übel logiert. Solche Sprichwörter gibt es ganz ähnlich im Russischen, wie sich Sprichwörter überhaupt mehr nach Schichten und Klassen als nach Völkern unterscheiden.
Viele Sprichwörter bieten kaum mehr als Binsenwahrheiten, andere sind tatsächlich nur reaktionär. Vor allem über Frauen findet sich kein gutes Wort: Wem zu wohl ist, der nehm´ ein Weib. Frauen werden als schrecklich berechnend und entsetzlich kostspielig dargestellt: Frauengunst war nie umsunst. Mit Hunden fängt man Hasen, mit Lob Narren und mit Geld Frauen. Es soll keiner ein Weib nehmen, er könne denn drei ernähren. Darüber hinaus wird ihnen auch noch Hinterlistigkeit nachgesagt: Nach der Hochzeit erkennt man des Weibes Bosheit. Pfaffentrug und Weiberlist geht über alles, was ihr wisst. Was ein Weib bei sich selbst gedenkt, ist henkenswert. Der Jammer der Männer über Weiberlug und –trug kennt kein Maß: Glaub keinem Weib, wenn sie auch tot ist. Ein wenig im Widerspruch freilich zu den Klagen geplagter Männer über weibliche Listigkeit steht die Behauptung, Frauen seien dumm: Der Mann in den Rat, die Frau ins Bad. Frauen können Männern bestenfalls behilflich sein, sie dienend schützen:  Der Mann ist das Haupt, die Frau sein Hut. Gelobt wird die Frau, die schweigen kann: Kein Kleid steht einer Frau besser denn Schweigen. Allerdings: Für die Weiber ist Schweigen härter als Säugen. Daher muss der sprichwörtliche Mann sie erziehen: Wenn die Henne kräht vor dem Hahn und das Weib redet vor dem Mann, so soll man die Henne braten und das Weib mit Prügeln beraten. Damit tue er Frauen nur Gutes, denn: Nussbäume, Esel und Weiber wollen geschlagen sein.
Vor allem Sexualängste bestimmen das Frauenbild im Sprichwort. Die Reduzierung der Frau auf eine Beischläferin - Man sucht von Weibern und von Fischen das Mittelstück zu erwischen – kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass vielen Männern weibliche Sexualität unheimlich ist: Ein Ei ist ein Mund voll, eine Brust ist eine Hand voll, ein Arsch ist ein Schoß voll, aber eine Fut ist ein Nimmervoll. Bei allem gelangt man auf den Grund, nur bei der Fut nicht. Zwar freut sich Mann über eine Willfährigkeit der Frau: Besoffene Frau ist ein Engel im Bett, aber letztlich fühlt er sich sexuell Frauen unterlegen und protzt mit Verachtung und Hass:  Es ist besser Weiber begraben denn zur Kirche führen. Küh verrecke, großer Schrecke, Weibersterbe, kein Verderbe. 
Darüber grölten der Spießer am Stammtisch und der Professor im Kollegium und ahnten nicht, dass Ihresgleichen es waren, die Frauen zu sprichwörtlich dummen, zänkischen, berechnenden, hinterfotzigen Wesen, wie sie nicht nur dem Männerwahn entsprungen sein können, gemacht haben. Die Klage über die Weiber ist seit den Griechen so gleichmäßig über alle politischen Veränderungen hinweg tradiert, dass sie empfunden statt erfunden sein muss. Unterdrückt, eingesperrt, nur als Dienerin und Beischläferin und Mutter gebraucht, mussten Frauen bösartig werden. Relativer Luxus war das Einzige, das sie für ihre Hingabe eintauschen konnten. So zahlten sie ihren Männern heim, was Männer ihrem Geschlecht seit Jahrtausenden angetan hatten. Was uns heute empörend reaktionär scheint, beschreibt nur Zustände, die erst durch die Emanzipation der Frau überwunden wurden. 
Überraschender als die Frauenfeindlichkeit ist der Umgang mit Juden in deutschen Sprichwörtern. Natürlich kommen die üblichen Klischees vor, aber der Ton ist weniger aggressiv als z. B. gegenüber Frauen. Eine Sprichwörtersammlung von 1846 erwähnt bei 12396 Texten nur neunmal Juden:
Es hilft kein Bad an einem Juden oder Raben. Hin ist hin, da leiht kein Jude mehr drauf. Judenzins und Hurenheuer sind gemeinigleich sehr teuer. Willst du einen Juden betrügen, musst du ein Jude sein! Es gehören neun Juden dazu, um einen Basler, und neun Basler, um einen Genfer zu betrügen. Geht alles links, wie bei den Juden. Böser Nachbar ist Judenfluch. Gehe in aller Säue Namen – so frisst dich keine Jude. Es ist verloren wie eine Judenseele.
Die geringe Zahl antijüdischer Fundstellen könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Antisemitismus im Volk längst nicht so virulent war wie unter seinen Intellektuellen, eine Vermutung, die durch viele jüdische Autobiografien gestützt und einer näheren Untersuchung wert wäre. Auch der Krieg hat in Sprichwörtern längst nicht jene Begeisterung geweckt, die Lehrer, Pfarrer und Politiker predigten, im Gegenteil. Der Volksmund fordert Kriegsverzicht um fast jeden Preis: Besser ein bäuerlicher Frieden als ein bürgerlicher Krieg. Unbilliger Frieden ist besser als gerechter Krieg. Krieg sät Krieg. Krieg verzehrt, was Friede beschert. Krieg ist ein golden Netz: wer damit fängt, hat mehr Schaden als Nutzen. Wer Krieg predigt, ist der Teufels Feldprediger.
Sinnvoll ist es, zwischen volkstümlichen und volkserzieherischen Sprichwörtern zu unterscheiden. Letztere sind sehr zahlreich und riechen noch heute nach dem Mief bürgerlicher und/oder konfessioneller Propaganda. Sätze wie Züchtig, fromm, bescheiden sein, das steht allen Menschen fein wurden vielleicht vom Gesinde geglaubt, aber gewiss nicht von ihm erfunden. Brecht hat solch dumme Sprüche listig verändert, so z. B. in einem Epigramm von 1932:
„Ach, des Armen Morgenstund
Hat für den Reichen Gold im Mund.
Eines hätt ich fast vergessen:
Auch wer arbeit´ , soll nicht essen.“
Aber besser als mancher Lehrer oder Journalist heute wusste das Volk einst noch selbst, wie solche „Weisheiten“ einzuschätzen sind: Wes Brot ich esse, des Lied ich singe. Den Aposteln des Verzichts hielt es entgegen: Voller Bauch lobt das Fasten.
Walter Benjamin nannte solche Sprichwörter eine „Schule des plumpen Denkens“, was keineswegs abfällig gemeint war. Er griff damit nur eine Formulierung Brechts auf: „Die Hauptsache ist, plump denken lernen. Plumpes Denken, das ist das Denken der Großen.“ Plump bedeutete für Brecht nicht „dick“, „schwerfällig“, eher schon „unförmig“, „dreist“. Heute würden wir eher vom „konkreten“, ungekünstelten“, „unverstellten“ Denken sprechen. Im plumpen Denken erkannte Benjamin „die Anweisung der Theorie auf die Praxis“ und sah im Sprichwort eine „Schule des plumpen Denkens“.
In Zeiten der gekünstelten politischen Korrektheit, der Ausdifferenzierung aller Phänomene bis zur Unkenntlichkeit, ist diese Plumpheit natürlich schrecklich unmodern. Das Volk freilich sprach aus Erfahrung und konnte so komplizierte Vorgänge sehr einfach und doch völlig richtig erklären in Sprichwörtern wie dem heute noch gebräuchliche von den Kleinen, die man fängt, und den Großen, die man laufen lässt. Das Wissen um eine Klassenjustiz scheint einst weit verbreitet gewesen zu sein: Kleine Diebe hängt man ins Feld, die Großen ins Geld. Ein kleiner Dieb an Galgen muss, vom großen nimmt man Pfennigsbuß. Kleine Diebe hängt man, vor großen zieht man den Hut ab. Kleine Diebe hängt man an den Galgen, die großen an goldene Ketten. Große Diebe hängen die kleinen.
Die ungleiche Verteilung der Güter dieser Welt wird oft spöttisch resigniert, gelegentlich auch kritisch mahnend gesehen: Der eine hat Arbeit und Fleiß, der andere Nutzen und Preis. Arme haben die Kinder, Reiche die Rinder. Die Armen helfen die Füchse fangen, die Reichen in den Pelzen prangen. Mancher Wirtschaftswissenschaftler hat seinen Nobelpreis für eine geringere Erkenntnis erhalten als Armut ist des Reichen Kuh oder Bei großem Gewinn ist großer Betrug oder Zins hat schnelle Füße, er läuft, ehe man sich umsieht.
Beeindruckend ist die ökonomische Weisheit in Sprichwörtern. Kein Aktienanalyst, sieht man vom großen Kostolany einmal ab, hat den New-Economy-Boom vergleichbar einfach erklärt: Ein Edelstein gilt so viel, als ein reicher Narr dafür geben will. Von Staatsbetrieben, Gewerkschaftsunternehmen, von Volkseigentum wussten die Menschen schon vor Jahrhunderten: Gemeines Gut geht zumeist verloren. Auch Emissionsprospekte hätten unsere Vorfahren besser durchschaut als die Investoren am Neuen Markt: Ein Krämer, der nicht Mausdreck für Pfeffer aufschwätzen kann, hat sein Handwerk nicht gelernt.
Wirklich bezaubernd aber in ihrer Naivität ist die ebenfalls heute noch gültige Feststellung: Wen Gott liebhat, dem gibt er ein Haus in Zürich.
Da Sprichwörter Menschheitserfahrungen komprimieren und die Veränderungen im menschlichen Verhalten weitaus geringer sind, als die sich verändernde Umwelt vermuten lässt, sind sie von oft überraschender Aktualität. Darüber hinaus stellte schon Brecht fest: „Verschiedene Weine zu mischen mag falsch sein, aber alte und neue Weisheit mischen sich ausgezeichnet.“ Gilt nicht für viele Auslandskorrespondenten noch heute: Aus der Ferne ist gut lügen? Lange, bevor es Naturschützer gab, merkte das Volk an: Natur begehrt wenig. Wahn viel. Die Gutmenschen warnte es: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Auch sollen es sich die kapitalismusfeindlichen Nutznießer der kapitalistischen Weltordnung mit ihren Protesten gegen diese Ordnung nicht so einfach machen: Wer will mit genießen, muss auch mit schießen. Die kleinbürgerlichen Transformatoren politischer Defizite in ökologische Forderungen - Sprichwörter erlauben ihrer Grundsätzlichkeit wegen immer wieder Neuinterpretationen – wurden schon im späten Mittelalter böse charakterisiert: Einfach, aber niedlich, sagte der Teufel und strich sich den Sterz erbsengrün an. Aber auch ihr Ende wurde vorhergesehen: Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen. Freilich warnt das Sprichwort auch mich unverschämten Spötter: Brunze nicht gegen den Wind
Die vielleicht schönsten Sprichwörter stellen nur Selbstverständliches fest. Je psychologisierender, scheinproblematisierender der „Diskurs“ der Vordenker wird, um so wohltuender und radikaler sind lakonische Feststellungen wie: Das Alter ist eine Krankheit, daran man sterben muss. Bleib daheim bei deiner Kuh, willst du haben Fried und Ruh. Wer lange lebt, der wird alt. Das Reisen kost´t Geld, doch sieht man die Welt. Wenn die Bauern Eis scheißen, dann muss es kalt sein. Wo es nicht stinken darf, muss man nicht furzen. Nimmt der Wein den Kopf dir ein, sind auch die Füße nicht mehr dein.
Wirkliche Wissenschaft hat ihre Wurzel im Volk: Genau untersuchen kommt von armen Leuten. Nicht nur das Wissen um ökonomische Zusammenhänge ist, wie wir gelesen haben, beeindruckend, auch von Psychologie verstand das Volk schon viel, als diese Wissenschaft noch gar nicht erfunden war: Es kommt mehr Furcht von innen heraus als von außen hinein
Menschen, die ihren Mitmenschen immer das Schlimmste zutrauen, die überall Betrug und Verrat wittern, müssen sich sprichwörtlich sagen lassen: Es sucht keiner den andern im Sack, er habe denn selbst darin gesteckt. Was ich selber tu, trau ich andern zu.
Die moderne Egomanie  ist ebenfalls so neu nicht. Schon unsere Vorfahren klagten: Und ich! Sagt der Narr. Erst komm ich und wieder ich und nochmals ich, und dann kommen die andern noch lange nicht. Immerhin galt ihnen im Unterschied zu uns der Egomane nicht als Vorbild. Wer zu oft „ich“ sagte, bekam zu hören: Ich und du und Müllers Kuh!
Zeitlos, weil jederzeit verifizierbar ist die Beobachtung: Mancher (ver-)greist, eh er weist (= weise wird), z. B. bei den Verfechtern einer Leitkultur, die nicht begreifen wollen: Alle Land sind des Weisen Vaterland. Die fortschrittlichsten Pädagogen nähern sich gerade wieder der uralten Erkenntnis: Man lernt eher eine Sprache in der Küche als in der Schule. Eltern dagegen, die ihren Kindern Handys und Nikes finanzieren, müssen erst noch an die kluge Forderung erinnert werden: Wer seinen Kindern gibt das Brot, dass er muss selber leiden Not, den schlage man mit Keulen tot.
Nicht gering geschätzt werden dürfen die guten Ratschläge, die Sprichwörter geben z. B. für Jogger: Wen man nicht jagt, der soll nicht laufen, Häuselbauer: Narren bauen Häuser, der Kluge kauft sie, Gastgeber: Ein Gast ist wie ein Fisch, er bleibt nicht lange frisch, Verliebte: Der Liebe Mund küsst auch den Hund, Reisende: Traue nicht lachenden Wirten und weinenden Bettlern, Dichter: Wein ist der Poeten Heiliger Geist. Manche Sprichwörter sind einfach schön: Die Hoffnung ist das Seil, daran wir uns alle zu Tode ziehen, andere schlicht anständig: Besser stehlen denn anzeigen. Von der zaudernden Sprache der politisch Korrekten hält das Sprichwort nicht viel: Der Meiner und der Lügner sind zwei Brüder, noch weniger vom staatsbürgerlichen Gehorsam: Die Welt ist blind, lässt sich regieren wie ein Kind. Und zu Texten wie diesem sagt das Sprichwort völlig zu Recht: Worte sind gut, aber Hühner legen Eier.

© 2002 Karl Pawek
pawek@web.de

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