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a . Sterbehilfe 

. Die Legalisierung aktiver Sterbehilfe in den Niederlanden erregte deutsche Pfarrer, Ärzte und Politiker. Unabhängig von ihrer Glaubenszugehörigkeit verurteilten sie den Beschluss des niederländischen Parlaments und forderten, dass Sterbehilfe in Deutschland nie erlaubt werden dürfe. Dabei verweisen sie ausnahmslos auf die Vernichtung „unwerten“ Lebens durch die Nationalsozialisten, als hätte diese Barbarei außer dem Missbrauch der Bezeichnung Euthanasie irgendetwas mit Sterbehilfe gemein. Unter den Nazis wurde selektiert und ermordet, nicht geholfen. Bemerkenswert freilich ist, dass diese Sterbehilfegegner eine Wiederholung der Nazimethoden auch in der Bundesrepublik für möglich halten. Hier stimme ich ihnen zu.
Die Klügeren unter ihnen warnen zudem vor der Förderung einer Mentalität, „durch die Alte und Kranke genötigt werden, ihre Euthanasie zu wollen“ (Udo Benzenhöfer). Dieses Argument ist durchaus ernst zu nehmen im Hinblick auf den verlotterten Zustand unserer entsozialisierten Gesellschaft, dennoch irrelevant. So leicht lässt sich niemand in seinen eigenen Tod drängen. Vieles kann man Menschen aufschwatzen, aber gewiss nicht ihr Sterben wider Willen. 
Die restlichen Argumente der Sterbehilfegegner sind pures Geschwafel. Da werden die Heiligkeit des Lebens, das ärztliche Ethos beschworen von Berufsgruppen, deren Mitglieder nie Skrupel hatten, Menschen in den Krieg oder in die Todeszelle zu schicken. Ärzte, die Menschen für kriegstauglich erklärten, die Hinrichtungen ausführten oder überwachten, die Homosexuellen und Kommunisten im Hirn herumstocherten, um sie von Ihrer „Krankheit“ zu heilen, die Jugendliche fesselten und quälten, damit sie mit dem Masturbieren aufhören, die hunderttausenden Frauen ohne jede Not die Gebärmutter entfernten, sollten endlich aufhören, vom ärztlichen Ethos zu schwatzen. Sie offerieren Dienstleistungen wie andere Handwerker auch, werden dafür bezahlt und sollen ordentlich arbeiten, nicht philosophieren oder sich gar zur moralischen Instanz aufspielen.
Vor allem aber krankt die Diskussion um die Sterbehilfe an der gewollten Vermischung zweier völlig unterschiedlicher Aspekte. Zum einen geht es um Menschen, die mittels der Apparatemedizin künstlich am Leben gehalten werden. Diesem Problem einer sehr kleinen Minderheit steht das Problem Vieler gegenüber, nicht länger leben zu wollen.
Erstere benötigen Schutz im Fall, dass sie nicht mehr bei Bewusstsein sind oder sich nicht mehr mitteilen können. Patientenverfügungen helfen da nicht weiter, weil sie nur allgemein verfasst sein können. Wer z. B. verfügt hat, nicht künstlich am Leben gehalten zu werden, wollte sich gewiss nicht einer Apparatemedizin verweigern, die ihm mit einer zwar geringen, doch nachweisbaren Wahrscheinlichkeit ermöglicht, nach Tagen oder Wochen der Beatmung wieder ein körperlich erträgliches Leben zu führen. Da kein Patient alle Eventualitäten berücksichtigen kann, müssen gegebenenfalls andere für ihn entscheiden. Gewiss sind Angehörige nicht die beste Instanz, da ihre Interessen (an Ruhe, am Erbe etc.) nicht immer die Interessen des Kranken sein müssen. Aber auch Ärzte können von eigenen (medizinischen, ökonomischen etc.) Interessen verleitet den vermeintlichen Wunsch des Kranken falsch interpretieren. Die beste unter allen schlechten Lösungen dieses Problems wäre es, in der Patientenverfügung eine Vertrauensperson zu benennen, die nach Anhörung von Ärzten und Angehörigen allein das Recht hat, über die Dauer und das Ende einer Behandlung zu entscheiden, wenn der Patient selbst dazu nicht mehr in der Lage ist.
Völlig unproblematisch dagegen müssten all jene Fälle sein, in denen ein Mensch - aus welchen Gründen auch immer - sterben will. Während aber bei bewusstlosen Sterbenden seit eh und je nachgeholfen wird trotz Strafandrohung, wettern die Sterbehilfegegner gegen die Beihilfe zur Selbsttötung. Sie verweigern den Menschen das Recht, selbst über ihren Tod zu bestimmen.
Nun war, anders als uns manche Konjunkturethiker weismachen wollen, Selbstmord im Altertum nicht verwerflich. Die Stoa gestattete ihn bei Leiden aller Art und rühmte ihn sogar als äußerste Bewährung der persönlichen Freiheit. Ähnlich dachten die Römer. Ich vermute allerdings, dass diese Würdigung des Selbstmordes nur unter den Herrschenden galt. Sklaven dagegen, die keine Menschen, nur Sachen waren, muss der Selbstmord als Sachbeschädigung, Sachzerstörung verboten gewesen sein, gehörte doch ein Sklave mit Haut und Haaren und Geschlecht seinem Besitzer, der allein über Leben und Tod entscheiden durfte. Das Christentum als ursprüngliche Unterschichtenreligion hat dieses Verdikt, wie in so vielen Fällen ganz im Interesse der Herrschenden, übernommen, den Selbstmord für sündhaft erklärt. Im Mittelalter wurde er auch nach weltlichem Recht strafbar.
Priester und deren Nachfolger, die Ärzte, erklärten den Tod zu einem Geschick, das es abzuwarten gilt. Das Sterben wurde zu einer Art Buße. Wenn der Tod eines Menschen oft als „Erlösung“ bezeichnet wird, verweist dies auf die Bußfunktion, auf ein Leiden, dem sich der Menschen nicht entziehen darf. Selbstmord wurde daher im weltlichen wie religiösen Sinn als Fahnenflucht missbilligt. Darüber hinaus ist Selbstmord immer eine Provokation der Lebenden, negiert er doch, was ihnen am Wichtigsten ist: zu leben.
Die Gegner der Sterbehilfe wollen verhindern, dass Kranke, Alte, Verzweifelte schmerzlos in Würde sterben dürfen, wenn sie sterben wollen. Alle ihre Argumente erweisen sich als vorgeschobene Scheinargumente, da eine bewusste Entscheidung für den eigenen Tod jeden Missbrauch ausschließt (soweit dies bei bewussten Entscheidungen überhaupt der Fall sein kann). Im Übrigen ist diese Diskussion auch noch überflüssig, denn in Deutschland ist, anders als z. B. in Österreich und der Schweiz, nicht nur der Selbstmord, sondern auch die Beihilfe zum Selbstmord nicht verboten.
Diese fast einmalige Großzügigkeit des deutschen Gesetzgebers provoziert die hier ganz unpassende Vermutung, man wollte nicht nachträglich die halbe Naziführung und ihre Helfer zu Straftätern erklären.

© 2001 Karl Pawek
pawek@web.de

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