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a . Total super 

. Groß war die Aufregung in Deutschland, bevor Big Brother startete. Politiker, Medienexperten, Prediger appellierten an die Fernsehzuschauer, diese „menschenverachtende“ Show zu meiden, einige forderten gar zum Boykott aller Produkte auf, für die bei Big Brother geworben wird. Nachdem sie jedoch der üblichen schwachsinnigen Korrektheit Genüge getan hatten, verfielen die besorgten Warner angesichts überwältigender Einschaltzahlen ins Schweigen. Anzunehmen ist, dass sie und die Mehrheit der schreib- und lesefähigen, also intellektuellen Deutschen kaum eine der hundert Big-Brother-Folgen gesehen haben. Damit ersparten sie sich viel, versäumten allerdings auch das wohl interessanteste Fernsehereignis des Jahres. Historiker, die in ferner Zukunft die Alltags- oder Mentalitätsgeschichte Deutschlands um die zweite Jahrtausendwende rekonstruieren wollen, können sich die Lektüre ganzer soziologischer Bibliotheken sparen, wenn sie nur über eine Aufzeichnung der Big-Brother-Staffel verfügen.
Denn Big Brother dokumentiert nicht nur den aktuellen Stand kommerzieller Fernsehkultur als totale Vermarktung: Verkauft wird nicht nur Werbezeit, verkauft werden Big-Brother-Spiele, -CDs, -Zeitschriften, -Bücher, -Videos, -Accessoires.  Zwischen 97 und 121 Pfennige pro Minute zahlen muss, wer sich an den zahlreichen Umfragen und Abstimmungen beteiligt. Und abkassiert wird auch bei den Darstellern, die ihre Honorare als singende oder moderierende „Kultstars“ mit der Produktionsfirma Endemol teilen müssen. Big Brother ist also zuerst einmal ein riesiges Geschäft, eine mediale Melkmaschine für Exhibitionisten und Voyeure.
Um die Attraktivität dieses Medienangebots zu gewährleisten, wird kräftig manipuliert. Gesprächsvorgaben, Beschäftigungsanweisungen,  Positionsfestlegungen, fast jedes Detail der täglichen Verrichtungen wird redaktionell gesteuert. Die Darsteller dürfen und sollen so tun, als spielten sie sich selbst. Doch Big Brother beschränkt sich nicht auf die Überwachung mittels Mikrofone und Kameras, die zum großen Teil nicht ferngesteuert, sondern von im Haus anwesenden Technikern bedient werden, Big Brother zieht auch die Fäden, an denen die Darstellermarionetten hängen.
Die Ausführung ist somit sehr viel widerwärtiger als die Idee. Denn Exhibitionismus und Voyeurismus sind durchaus mit Menschenwürde vereinbar, nicht aber die Manipulation von Menschen, die auch Exhibitionisten oder Voyeure sind.
Weil aber die Fiktion nicht total sein kann, bricht immer wieder Wirklichkeit durch und macht Big Brother zum Spiegel unserer Gesellschaft. Über die Dummheit, Hohlheit, Langweiligkeit der meisten Darsteller ist nicht zuletzt von hohlen, dummen Langweilern alles gesagt worden. Wer nicht in der Welt der Kandidaten lebt, musste manches Mal Schmerz, ja Übelkeit empfinden bei der Beobachtung. So viel hilfloses Gestammel in einer mundfaulen reduzierten Sprache ist erbärmlich. Wo es keine Differenzierung mehr gibt zwischen „super“ und „bescheuert“, bewirkt Verständnislosigkeit Hilflosigkeit. Gewiss, einige Darstellerinnen und Darsteller zeigten sich schlau (wenn auch längst nicht so schlau, wie sie meinten), und handelten doch nur wie Pawlowsche Hunde. Dieses jämmerliche Bild hirnarmer und herzloser, bestenfalls gerissen-sentimentaler Menschen hat freilich nicht Endemol zu verantworten, sondern unsere Gesellschaft. Denn die Bewohner des Big-Brother-Hauses sind keine Exoten, sondern unsere Nachbarn.
Um so interessanter wäre es, die deutsche Big-Brother-Serie mit ausländischen Beispielen zu vergleichen. Die Devotheit der deutschen Darsteller, ihre echte oder geheuchelte Dankbarkeit für jede Kleinigkeit, die ihnen Big Brother gewährt, ihre täglichen Beteuerungen, wie total super doch alles sei, wie super sie sich untereinander verstehen, wie super der eine kocht und die andere aussieht und das Wetter meistens ist, diese hündische Untertänigkeit ist kein Auswahlergebnis oder Zufall, sondern Ausdruck deutschen Volkscharakters. Als die spanischen Darsteller bei „Gran Hermano“ zum ersten Mal Mitbewohner für den Auszug nominieren sollten, verweigerten sie den Gehorsam mit der Berufung auf die Solidarität unter Freunden. Hat es denn nichts mit Volkscharakter zu tun, wenn ein solches Verhalten in Deutschland undenkbar ist und statt dessen Mädeltreue praktiziert oder sich feige auf „Spielregeln“ berufen wird?
Einzig die von BILD sofort zur „Schlampe“ erklärte Sabrina fiel aus dem Rahmen und wurde dafür bestraft. Wer nach Kerstin und Manu geglaubt hatte, schlimmer könne es nicht mehr kommen, war von Sabrinas erstemAuftritt schockiert, wirkte sie doch wie die dümmste, geilste, unverschämteste der Frauen. Ihre Bereitschaft, über die beiläufigste Nebensächlichkeit schallend zu lachen, deutete auf Debilität, ihr Körper wie ihre Kleidung waren eine ästhetische Provokation und im Zusammenspiel abschreckend. 
Während aber manch sonderbarer Darsteller, manch außergewöhnliche Darstellerin sich im Laufe der Zeit als Spießerchen outete, offenbarte Sabrina seltene Fähigkeiten wie Solidarität, Einfühlungsvermögen, Charme, gelegentlich sogar Witz. Damit künftige Historiker nicht dem Irrtum verfallen, auch Menschen wie Sabrina hätten den deutschen Volkscharakter um die zweite Jahrtausendwende repräsentiert, sollten sie die Umstände ihres Ausschlusses aus der Big-Brother-Gemeinschaft berücksichtigen. Abgewählt wurde sie von den Zuschauern mit derselben überwältigenden Mehrheit, mit der eine Woche zuvor unmittelbar nach ihrer Nominierung eine ebenfalls unbekannte Zahl von Zuschauern ihre Abwahl prognostiziert hat. Noch während der Abstimmungszeit konnte daher ein Werbespot gezeigt werden, der Sabrinas Ausschluss bereits voraussetzte. Ihr Abgang selbst war äußerst  ungewöhnlich. Während alle früher entlassenen Darsteller von Freunden und Verwandten begrüßt wurden, verhinderten gegenüber Sabrina Bodyguards jede Kontaktaufnahme. Statt dessen interviewte die wohl virtuelle Moderatorin – kein Mensch kann permanent über Monate hinweg so gleichförmig exaltiert sein – die Verwandten einer Darstellerin, die im Haus bleiben durfte. (Natürlich war es wieder die Mutter, die ihr Kind zu Big Brother geschickt hat. Auch Emanzipationshistoriker sollten die Quelle Big Brother nicht unterschätzen.) Wie zu hören ist, wollte Endemol mit Sabrina einen Vertrag schließen, bevor sie von ihren Verwandten über ihren Marktwert aufgeklärt werden konnte. Die eingangs erwähnten Kulturkritiker wird diese tatsächliche, aber systemkonforme Menschenverachtung nicht erregen.
Was auch immer die wahren Hintergründe für Sabrinas Kündigung gewesen sein mögen, diese Frau musste raus. Denn sie war nicht nur Teil der blöden Spaßgesellschaft, sondern ließ auch Alternativen ahnen. Das war zu viel an Wirklichkeit, so etwas wollen die Endemol-Pimpfe und –Mädels nicht sehen dürfen.
 © 2000 Karl Pawek
pawek@web.de
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