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| a | . | Trau keinem über 30 |
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Zu den
intelligenteren Sprüchen der 68-Bewegung gehört der
Rat, „Trau keinem über Dreißig“. Daher gab es alsbald das
Gerücht, Karl Marx
sei sein Erfinder gewesen, doch wer mit Marxens Denken nur ein wenig
vertraut
war wusste, dass dies nicht stimmen konnte. Bis heute gelang es nicht,
einen
Textnachweis zu finden. Zutreffender
war schon der Verweis auf Goethe. Im „Faust,
Teil 2“ spottet Baccalaureus, ein junger akademischer Schnösel,
über die Alten: Des
Menschen Leben lebt im Blut, und wo Verglichen
mit dieser Tirade ist der 68er-Spruch milde,
zumal der Baccalaureus unter Mephistos Beifall die brutale Konsequenz
seiner
Verachtung anfügt: „Am besten wär’s, euch zeitig
totzuschlagen.“ Doch mit
dieser menschenverachtenden Anregung ist die
Empfehlung, keinem über Dreißig zu trauen, noch nicht
diskreditiert. Wie die
meisten prägnanten Sprüche ist auch dieser dumm und klug,
falsch und richtig
zugleich. Die Dummheit liegt in der Verkürzung auf eine
Alterszäsur, die keineswegs
objektiv, gesetzmäßig ist, und auf eine
Allgemeingültigkeit, die subjektive
Unterschiede leugnet. Manch älterer Mensch denkt und fühlt
jugendlicher als ein
Teenager. Ihn allein des Alters wegen nicht ernst zu nehmen, ist nicht
nur
Ausfluss jugendlichen Leichtsinns, infantiler Überheblichkeit,
sondern
unmenschlich, tendenziell faschistoid und gefährlich. Dummerweise
kann es aber
auch gefährlich sein, Alten zu trauen. In
früheren Zeiten lag der Wert der Alten in ihrer Funktion
als Datenspeicher. Abgesehen von einer winzigen, des Lesens und
Schreibens
kundigen Oberschicht kannten die Menschen außer bei
religiösen Ritualen keine
mediale Überlieferung. Das Wissen, die Erfahrung der Alten war
daher in einer
sich nur sehr langsam verändernden Welt kostbar, ja
überlebenswichtig. Bei
Problemen, seltenen Naturereignissen etc. hatten die Menschen nichts,
wo sie
hätten kurz nachschlagen, kurz hinsurfen können. Ihre einzige
Chance war, dass
Alte mehr wussten als sie selbst. Dafür wurden sie geachtet,
geehrt. Die
Tatsache, dass die später bestenfalls modifizierten
Grundzüge menschlichen Denkens in den frühen Lebensjahren
entstehen und bei
ihrer Vermittlung durch alte Menschen Jahrzehnte, bei
überlieferten Inhalten
sogar Jahrhunderte alt sind, spielte in statischen Gesellschaften keine
große
Rolle. Sobald aber häufige Umbrüche, technologische
Revolutionen,
wissenschaftliche Korrekturen häufiger auftreten, verliert das
Wissen und
Denken der Alten an Wert, wird partiell zum Bremsklotz. Dies muss nicht
im
philosophischen Bereich, nicht für die Einschätzung
menschlichen Verhaltens
gelten, aber ist doch offensichtlich bei allen Fragen, die mit der –
auch im
übertragenen Sinne – Feststellung entschieden werden: So haben wir
es schon
immer gemacht. Ein häufiger Ausdruck des statischen Denkens ist
die Verwendung
des Begriffes „man“. Der in der
Studentenbewegung schnell populär gewordene Rat,
keinem über Dreißig zu trauen, rechtfertigte sich aus der
Erkenntnis, dass die
Alten ziemlich viel falsch gemacht und große Schwierigkeiten
hatten, die Fehler
nicht nur gezwungenermaßen zuzugeben, sondern auch zu verstehen.
Sie taugten
nicht als Ratgeber – abgesehen von jenen, die im Widerstand oder Exil
ihre
Unschuld bewahrt hatten. Für deren Glaubwürdigkeit spielte
das Alter keine
Rolle. Problematischer
noch als die Unzeitgemäßheit des Denkens
alter Menschen ist ihre geschrumpfte Zukunftsperspektive. Die Zukunft
reduziert
sich für sie immer mehr auf den unvermeidlichen Tod. Offen
dagegen ist die Zukunft junger Menschen. Alles ist
denkbar, fast alles scheint erreichbar, und führt eine
Entscheidung in eine
Sackgasse, bleibt genügend Zeit, andere Wege zu probieren. In
angstfreien
Gesellschaften ist eine offene Zukunft äußerst motivierend,
weckt gewaltige
Energien, scheut auch die notwendigen Risiken nicht. (Dass dies zur
Zeit und
hoffentlich vorübergehend kaum auf die Jugend Deutschlands
zutrifft, hat
Gründe, deren Erörterung hier zu weit führen würde.) Alte
Menschen dagegen, deren alles überschattende
Perspektive der Tod ist, konzentrieren sich immer mehr auf ihr
relatives
Wohlbefinden, das sehr viel Ruhe braucht. Selbst großartige
Zielvorstellungen
reißen im Alter nicht mehr mit, wenn sie der Mensch in seiner
Lebensspanne, die
für Jugendliche gefühlt unendlich ist, nicht mehr erreichbar
sind. © 2011
Karl Pawek |
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