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a . Wie funktioniert's?

. Oft ist es beeindruckend, was Menschen alles wissen. Bei manchen darf man das Thema Computer gar nicht ansprechen, will man stundenlange Vorträge über RAMs und ROMs oder IDE und EIDE vermeiden. Andere können zwar keinen Videorecorder programmieren, aber ihr Auto selbst reparieren. Nicht nur Taxifahrer haben den Stadtplan einer Großstadt in ihrem Kopf gespeichert, Fußballfreunde wissen, wer vor drei Jahren, zwei Monaten und 23 Tagen das entscheidende Tor im Spiel X gegen Y geschossen hat, und Hobbygärtnern fällt es nicht schwer, die Eigenschaften und Bedürfnisse Hunderter Pflanzen zu erklären. Manch Jugendlicher, dem kein Schulabschluss vergönnt ist, besitzt in schulfernen Teilgebieten profundes Wissen.
Doch fragt man Menschen nach Vorgängen in ihrem Körper, können sie bestenfalls Mittel nennen, die Defekte lindern. Wer von uns Nicht-Medizinern weiß schon, wie unsere Verdauung funktioniert? Wir essen und erwarten, dass der nicht verwertbare Teil unserer Nahrung von unserem Körper ausgeschieden wird. Geschieht dies nicht oder nicht in der gewünschten Konsistenz, greifen wir zu Medikamenten oder gehen zum Arzt. Er wird unseren Zustand mit fremdsprachlichen Fachbegriffen benennen und vielleicht zwecks Kundenbindung ein paar arg verkürzte, bildhafte, dem Laien verständlich scheinende Umschreibungen anhängen. Für die Beratung reicht die Zeit gerade noch, Aufklärung wäre zu viel verlangt.
Tatsächlich ist die Medizin eher ein Reparaturhandwerk als eine wissenschaftliche Disziplin. Während z. B. die Physik längst ihr Beobachtungs- und Probierstadium überwunden und sich zu theoretischen Höhenflügen emporgeschwungen hat, arbeitet die Medizin zum größten Teil noch nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip. Keine Medizintheorie erweitert den Erfahrungshorizont.
Der Grund für ihre wissenschaftliche Antiquiertheit liegt weniger in der Komplexität des menschlichen Organismus als in der Selbstüberschätzung des Menschen als höheres Wesen. Sobald der frühe Mensch eine erste Abstraktionsfähigkeit gewonnen hatte, begann er, sich von seinem Körper zu abstrahieren. Dadurch wollte er sich vom Tier unterscheiden. Zur Beglaubigung des Unterschiedes und zu dessen Verfestigung erfand er sich Götter als Schöpfer, die seine Einbildung zur „Seele“  überhöhten. Fortan machte sie den Menschen aus, der Körper galt nur noch als vergängliche Hülle.
Dies hinderte zwar die Menschen nicht daran, sämtliche Möglichkeiten ihres Körpers zur Lusterzeugung und –befriedigung zu nutzen, doch geschah dies zunehmend hinter verschlossenen Türen. Man schiss, fickte und völlerte nicht mehr vor den Augen anderer aus dem einzigen Grund, dass Scheißen, Ficken und Völlen animalische Tätigkeiten sind. Natürlich wusste jeder, dass jeder andere Mensch gleiche oder ähnliche Verrichtungen ausübte, doch um des menschlichen Sonderstatus wegen musste dies verdrängt werden. Der menschliche Körper wurde zum Tabu. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschossen, erst vor kurzem wurde auch das Sterben in die Abgeschiedenheit verlegt.
Doch dummerweise ist der Mensch nicht ganz unabhängig von seinem Körper. Wollte man als höheres Wesen sich nicht gleich in höhere Gefilde verabschieden, waren gelegentliche Reparaturarbeiten, später auch erprobte Vorsorgemaßnahmen notwendig. Undenkbar freilich bis ins Mittelalter war es, Ursachenforschung bei Toten zu betreiben, indem man ihre Körper aufschnitt und sich den Zustand der Organe zumindest anschaute. Zu leicht hätte das Sein in Gestalt von Würmern, verrotteten Innereien, deformierten Hirnen den Schein entlarven können.
So blieb die Medizin ein Reparaturhandwerk, häufig auf der Basis banaler Irrtümer, wie sie in ihrer Lächerlichkeit keine Naturwissenschaft vorzuweisen hat. Eine Geschichte der medizinischen Irrtümer bis in unsere Gegenwart wäre eine absurd komische Lektüre, wüssten wir nicht, dass diese Irrtümer ihren Opfern unendlich viel Leid  verursachten. Und noch heute schlägt Hirn- und Genforschern, die die materiellen (körperlichen) Bedingungen des menschlichen „Seins“ untersuchen, heftige Abwehr entgegen. Die Vorstellung, dass der Mensch ein hochkomplexer Zellhaufen ist, dessen Besonderheit nur durch die Sozialisation hervorgerufen wird, ist den meisten so unerträglich, dass sie am liebsten über ihren Körper nichts anderes wissen wollen als Tipps, ihn möglichst schön und vital erscheinen zu lassen.

Historisch betrachtet war jedoch die Fiktion vom gottbeseelten Menschen höchst bedeutsam für die Zivilisation. Denn sie stellte ein Tötungshemmnis dar und war eine Voraussetzung für die Entstehung und Akzeptanz von Menschenrechten. Freilich gelten diese nur in den am höchsten entwickelten Zivilisationen und selbst dort nicht uneingeschränkt. Die Todesstrafe, versteht man sie nicht als kostengünstige und bequeme Methode, gemeingefährliche Menschen zu beseitigen, beruht auf ebenso archaischen Vorstellungen wie die Steinigung von Ehebrecherinnen oder die Verstümmelung von Dieben. Gesellschaften, die Menschen Körperstrafen antun, haben noch nicht einmal die Fiktion von Menschen als einem höheren Wesen vollständig verinnerlicht. Bei ihnen besteht noch religiöser Nachholbedarf. Sie betreiben Ausgrenzungen, sprechen ganzen Volksgruppen die Menschenwürde ab, weil sie den Wert des Menschen nicht in seinem körperlichen Sein, sondern in einem Glaubensbekenntnis, sei es zu Allah oder zu einer Blutsgemeinschaft erkennen. Am schrecklichsten praktizierten dies die Nationalsozialisten mit Juden, „Zigeunern“ und anderen „Tieren in Menschengestalt“.
In einem beeindruckenden Artikel hat der Historiker Michael Salewski in der FAZ (25.1.2005, S. 8) die These vertreten, nicht die „Rassenfrage“ sei der Kern des Nationalsozialistischen Antisemitismus gewesen, sondern die viel radikalere Frage nach dem Mensch- oder Nichtmenschsein der Juden. Wer, wie einst die Nazis und wie heute ihre muslimischen Brüder im Ungeist, Menschen als Ungeziefer, Läuse, Ratten bezeichnet, spricht ihnen das Menschsein ab. Da war es nur konsequent, dass in den Gasduschen von Auschwitz die deutsche Gesellschaft „desinfiziert“ werden sollte. Für Salewski ist der Holocaust „keineswegs ein Derivat des Rassismus. Die Juden wurden nicht vernichtet, weil sie einer minderen Rasse angehörten, sondern weil sie überhaupt keiner menschlichen Rasse angehörten.“ Für die Zukunft bedeutet dies: „Es ist kein Nationalsozialismus ohne Holocaust denkbar. Und deswegen wäre jeder Neonationalsozialismus abermals untrennbar mit der Vision des Holocaust verbunden.“
Nur wenn es gelingt, den Wert des Menschen von allen Überhöhungen zu befreien, ihn zu entideologisieren, werden die Menschenrechte unverletzbar, weil unabhängig von zeitgeistiger Wertzuschreibung. Das gesamte Potenzial des Menschen liegt in seinem Körper, seine Besonderheit entsteht erst in der gesellschaftlichen Formung. Seelen aber sollen baumeln, bis der Faden endlich reißt und sie im Müllhaufen der Geistesgeschichte spurlos verschwinden. Dann endlich könnte das bigotte Geschwätz über Menschlichkeit und Menschenwürde durch die Wissenschaft vom Menschen abgelöst werden.


© 2005 Karl Pawek
pawek@web.de
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