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a . Wille, freier

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Wenn demnächst oder in 100 Jahren auch der „freie“ Wille als Illusion des sich selbst überschätzenden Menschen entlarvt sein wird (s. Denken lernen), muss dies zahlreiche Konsequenzen haben bis hin zur Aufhebung des ebenfalls nur ideologisch geprägten Gegensatzes von „gut“ und „böse“. Vor allem unserem Rechtsverständnis stehen fundamentale Veränderungen bevor.

Noch wehren sich die meisten Menschen dagegen, im Täter auch ein Opfer zu erkennen. Wir ahnen zwar, dass niemand nur aus Jux und Tollerei raubt, vergewaltigt, mordet und sind daher manchmal bereit, Tätern, deren erbarmungswürdige Biografie uns bewusst gemacht wurde, mildernde Umstände zuzubilligen. Doch von einer Bestrafung wollen wir nicht absehen.

Unser Strafrecht setzt allerdings den freien Willen des Täters voraus, denn bestraft wird nicht die Tat, sondern die „böse“ Absicht oder zumindest ein leichtfertig scheinendes Versäumnis. Ob ich jemanden Töte aus Gier oder in Notwehr, ist für den Menschen, der stirbt, gleich. Sein Leben ist zu Ende. Für mich freilich sind die Konsequenzen sehr unterschiedlich. Töte ich aus Gier, wird mir unterstellt, ich hätte es auch sein lassen können. Töte ich hingegen in Notwehr, mag die Endgültigkeit meiner Tat für den Toten vielleicht bedauerlich sein. Mir aber wird die Alternativlosigkeit meines Handelns zugebilligt, zumindest das Recht auf Gegenwehr. Gier wird also dem freien Willen zugerechnet, Ängste oder auch nur die Bereitschaft, mein Eigentum mit allen Mitteln zu schützen, bedürfen hierzulande keiner Rechtfertigung.

Zwar gab es immer wieder Versuche, die Bedingtheit auch des verbrecherischen Handelns in die Rechtsprechung einzuführen, und in extremen Fällen offensichtlicher psychischer Störung kommt es gelegentlich vor, dass Täter nicht in Gefängnissen, sondern in geschlossenen Anstalten einsitzen müssen. Viel Verständnis haben überall auf der Welt Richter für betrogene Ehemänner, deren mörderische Wut sie vielleicht sogar nachvollziehen und daher strafmildernd werten können. Wer gar auf staatlichen Befehl tötet, ist, solange sich die Herrschaftsverhältnisse nicht ändern, fein raus. Kein Büttel kann sich einen freien Willen gegen die anerkannten Autoritäten auch nur vorstellen.

Aber auch in den Fällen, in denen Strafen mildernden Umständen angepasst werden, bleibt jede Verurteilung eine Strafe. Erst wenn sich während der Haft herausstellt, dass ein Täter nach seiner Entlassung gar nicht anders können wird, als seine Taten zu wiederholen, wird aus der Haftstrafe eine Sicherheitsverwahrung. Wie so oft in ideologischen Fragen offenbart dann die Wirklichkeit die Absurdität der Strafrechtsideologie.

Haben wir eines Tages eingesehen, dass es den „freien“ Willen nicht gibt, kann es auch kein Strafrecht mehr geben. Statt dessen wird die Gesellschaft den Mut aufbringen müssen, nicht mehr von gut und böse, von Moral, Gnade, Buße etc. zu schwafeln, sondern festzulegen, dass Täter bis zu ihrer Resozialisierung weggesperrt werden. Das verlangt freilich auch, dass aus Strafanstalten Schulen und Krankenhäuser werden, dass Betreuung den Strafvollzug ersetzt. Sogar die Todesstrafe darf von ihren Befürwortern nicht mehr als Buße verstanden werden, sondern als das, was sie immer schon war, die Eliminierung eines der Gesellschaft unerträglichen Menschen.

Wenn die Mär vom „freien“ Willen nicht mehr geglaubt wird, muss an Stelle der „gerechten“ Strafe eine gesellschaftliche Übereinkunft über die Art und Dauer des Wegsperren eines Täters treten, aber auch über die notwendigen Schritte zu seiner (Re-)Sozialisierung. Ersteres wird, wie die Verhältnisse in den Gefängnissen zeigen, allem Bußgefasel zum Trotz, schon heute praktiziert, Letzteres ist eine noch nicht einmal ansatzweise gelöste Aufgabe, zu deren Bewältigung erst noch Moral durch Wissen ersetzt werden muss: Wie und warum wurde jemand zum Täter, und wie kann sein Täterwille gesellschaftlich so konditioniert werden, dass er künftig in der Lage ist, ihn zu unterdrücken?

Die dafür erforderliche Humanwissenschaft wird, wenn sie denn jemals ideologiefern betrieben werden sollte, einschneidende Folgen haben für unser Denken. Wenn uns erst einmal bewusst wird, dass Mörder und Arzt, Gauner und Polizist, Hure und Betschwester gemeinsam haben, dass sie zu dem, was sie sind, gemacht wurden von der Gesellschaft, der sie angehören, und kein „freier“ Wille, sondern Umstände ihren Lebensweg bestimmten, können wir uns nicht mehr hinter einer angeblich von Gott gegebenen Moral verstecken, sondern müssen die gesellschaftliche Verantwortung auch für die brutalste Tat übernehmen und können daher auch nicht strafen, nur helfen oder, wenn uns dies zu teuer und zu mühsam ist, Täter wegsperren oder eliminieren, freilich ohne jede moralische Legitimation.

Die Überwindung des Glaubens an die Freiheit unseres Willens wird noch sehr viele andere wünschenswerte Konsequenzen haben. Sie wird die Liebe, wie wir sie im Westen besingen, zur Zuchtwahl entmystifizieren, aus Familien Solidargemeinschaften entstehen lassen, Götter und ihre Ersatzformen überflüssig machen, vor allem aber unser Dasein intellektualisieren. Aus Einfalt wird Vielfalt werden, aus unbegreiflichem Leiden vergnügliches Spiel.

Vor allem aber wird uns der Abschied vom Mythos des „freien“ Willens zwingen, die Umstände der Persönlichkeitsentwicklung zu erforschen (wozu die Psychoanalyse wenig taugt). Keiner ist seines Glückes Schmied. Noch entscheiden Zufälle, Umwelt, Zeitpunkt und Ort der Geburt etc. über Glück und Pech in einem Menschenleben. Niemandes Schicksal ist besiegelt, aber ob jemand Widrigkeiten trotzt, Chancen nutzt ist in ihm oder ihr angelegt durch die Umstände der Sozialisation und Bildung. Der „freie“ Wille wird sich als billiger Trick offenbaren, der uns weitgehend jeder gesellschaftlichen Verantwortung für die Entwicklung eines Menschen enthebt.

Die Gefahr einer aus wissenschaftlichen Erkenntnissen entstehenden Normierung darf uns nicht abschrecken. Normiert durch Tradition, Klasse, Glaube sind wir, ohne es zu merken, auch schon im Zeitalter des „freien“ Willens. Andernfalls würden Asiaten in den Deutschen, Schweden, Italienern, Briten, Portugiesen, New Yorkern, Kaliforniern nicht sofort den Westler, wir Westler in allen Stämmen Afrikas und deren Nachfahren in den Nord- und Südamerika nicht sofort den Schwarzen erkennen, ohne dass dies nur auf Vorurteilen und äußeren Merkmalen beruhen würde. Unterschiedliche Eigenschaften, Denk- und Verhaltensweisen sind durchaus objektive Kriterien, die nur von politisch korrekten Dummköpfen geleugnet werden, die nicht den Unterschied zwischen gleich und gleichwertig begreifen.

Da Erkenntnis auf Dauer Ideologien überwindet, ist die Gefahr einer ideologischen Normierung gering. Wenn es gelingt, nach der gesellschaftlich beabsichtigten auch die zufällig verteilte Chancenungleichheit, die unbewusst wirkenden Deformationen, tradierte Ängste und ihre Äußerungsformen wie Hass und Gier zu überwinden, wird es tatsächlich weniger Psychopathen, Verzweifelte, Manische, Geile, Bescheidene, Unterwürfige etc. geben. Ihr Verschwinden als Folge einer Normierung zu beklagen wäre absurd. Normierung im ideologiefernen Sinn bedeutet vielmehr Chancen, Anregung, Ermutigung, Lebensfreude, Genuss, Solidarität in unterschiedlichsten Erscheinungsformen, begrenzt allein durch die verhandelbare gesellschaftliche Übereinkunft und nicht durch eine vom Himmel gefallene Moral. Die Überwindung des Mythos vom „freien“ Willen wird weit bedeutsamer sein für die Menschheitsentwicklung, als es die Überwindung der Gewissheit, die Erde sei das  Zentrum des Universums, war.

 © 2008 Karl Pawek
pawek@web.de

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