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a . Die kommende Frau, immer noch   

. Zu einer Zeit, als es in den USA sittsam war, Klavierbeine zu verhüllen und in Anwesenheit von Frauen nicht von Hühnerbrust, sondern hellem Fleisch zu sprechen, als anständige Bürger die Bücher männlicher und weiblicher Autoren in getrennten Bücherschränken aufbewahrten, um sich nicht dem Verdacht der Promiskuität auszusetzen, gehörte für eine Frau sehr viel Mut dazu, für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen nicht nur das Wahlrecht, sondern auch das Recht auf freie Liebe und sexuelle Befriedigung zu fordern. Victoria Woodhull ( 1838 – 1927) war mutig, oft übermütig und noch viel mehr: erste Brokerin an der Wallstreet, Herausgeberin einer Zeitschrift, die als erste in den USA das Kommunistische Manifest veröffentlichte, Wunderheilerin, Präsidentin aller Spiritisten, politisch radikale Frauenrechtlerin, erste Kandidatin für das US-Präsidentenamt, Schrecken der Heuchler. Manche sehen in ihr auch die Erfinderin der Mehrwertsteuer und des Minirocks, und gewiss war sie eine Pionierin der Sexualerziehung und eine wunderbare Liebhaberin. All dies schon macht ihr in Deutschland fast unbekanntes Leben erzählenswert. Doch ihre Biografie beschreibt auch zeitlose, also aktuelle Verhältnisse: Victoria hatte Erfolg, solange sie nicht eine unsichtbare, doch immer und überall streng gewahrte Grenze überschritt. Und alles, was sie politisch, sozial und moralisch leistete, tat sie ausschließlich zum eigenen Nutzen. Verglichen mit dieser „seltenen Frau, der es gelungen war, aller Abrichtung zum Frauendasein zu entkommen“ (Gloria Steinem), wirken die angeblich so starken virtuellen wie realen Powerfrauen, Politikerinnen, Feministinnen unserer Tage leblos, langweilig, bieder.
Victoria kam als 7. von 10 Kindern 1838 in der Kleinstadt Homer (Ohio) zur Welt. Ihr Vater, ein Schwindler und Glücksritter, hatte mal Geld, mal – so in der Depression von 1839 – nur Schulden. Er schlug sich durch, wobei ihn die Verachtung seiner rechtschaffenen und rechtgläubigen Nachbarn wenig kümmerte. Noch außergewöhnlicher für homersche Verhältnisse war ihre aus Deutschland stammende Mutter. Diese ebenso ungebildete wie tief religiöse Frau, die zwar nicht lesen, doch die meisten Psalmen auswendig konnte, weigerte sich, in ihrem Haus Vorhänge aufzuhängen. Diese Ungehörigkeit veranlasste die Frauen des Ortes, eine Delegation zu ihr zu schicken. Doch die übermittelte Rüge beeindruckte sie nicht: „Fenster sind für Licht und Luft.“ Und dabei blieb es.
Ihre Rationalität war freilich sehr partiell. Als die Putzhilfe der Familie, Rachel, plötzlich starb, verfiel Victoria in eine dreistündige Trance. Sie habe, erzählte sie ihrer Mutter nach dem Aufwachen, Rachel gesehen, worauf die Mutter überall verkündete, Victoria habe mit Rachel im Jenseits Kontakt gehabt. Zwei imaginäre Spielgefährtinnen des kleinen Mädchens identifizierte die Mutter als zwei Schwestern, die vor Victorias Geburt gestorben waren. Sie war bald so sehr von den übersinnlichen Kräften ihres Mädchens überzeugt, dass Victoria ihr Leben lang selbst daran glaubte, zugleich aber schon als Kind ihren Ruf zur Manipulation der Umwelt nutzte: Als Victoria einmal ihre kranke jüngere Schwester hüten sollte, schlief sie ein und wachte erst auf, als ihre vorzeitig heimgekehrte Mutter bereits im Raum stand. Noch schlaftrunken berichtete sie ihrer Mutter, zwei Engel seien gekommen, hätten sie von der Wiege weggedrängt, um mit ihren weißen Engelshänden dem Baby Luft zuzufächern, sie selbst aber in Trance versetzt, was ihre schlafende Haltung erkläre. Die Geschichte wirkte, Mutters Zorn war im Nu verflogen.
Über Victorias Schulzeit ist nur bekannt, dass sie drei Jahre dauerte und man allgemein ihr fotografisches Gedächtnis rühmte. Mit Sicherheit nichts gelernt hat sie in der Schule über den menschlichen Körper, die menschliche Sexualität.
Mit 14 Jahren wurde Victoria krank, bekam hohes Fieber. Die Krankheit erwies sich als harmlos, doch ihre Folgen waren fatal: Der behandelnde Arzt fand Gefallen an dem Mädchen und lud sie zu einem Picknick ein, vorausgesetzt, sie kaufe sich vorher neue Schuhe. Victoria verdingte sich als Apfelverkäuferin, konnte sich für ihren Lohn Schuhe anschaffen und ging mit dem Doktor zum Fluss. Auf dem Heimweg sagte der Arzt zu dem Mädchen: „Meine kleine Katze, sag deinem Vater und deiner Mutter, dass ich dich heiraten möchte.“ Kurz nach Victorias 15. Geburtstag fand die Hochzeit statt. Doch schon in der dritten gemeinsamen Nacht versackte Dr. Woodhull, 28, im Puff. Oft machte sich Victoria die Mühe, ihren alkoholkranken Mann zu suchen, ihn zur Heimkehr zu überreden. Betrunken war er, als er das erste Kind zeugte, betrunken machte er den Geburtshelfer. Das Kind, ein Sohn, kam am 31.12.1854 debil zur Welt. Betrunken war der Vater auch bei der Geburt des zweiten Kindes 1861 in New York. Er trennte die Nabelschnur zu nahe am Körper ab, so dass sie nicht richtig abgebunden werden konnte. Als Dr. Woodhull schon wieder in einer Kneipe war, merkte Victoria, dass ihre Tochter Zula in einer Blutlache lag. Nachbarn halfen, das Mädchen überlebte, blieb gesund und entwickelte sich zu einer intelligenten, tatkräftigen Mitarbeiterin ihrer Mutter.
Obwohl Dr. Woodhull Victoria immer wieder betrog, eine Geliebte sogar als seine wahre Ehefrau ausgab und neben Alkohol immer häufiger auch noch Kokain brauchte, behielt Victoria ihren ersten Mann bei sich. Zwar ließ sie sich 1865 von ihm scheiden, aber bis zu seinem Tod 1872 versorgte sie ihn in ihrem Haus, obwohl ihr Zusammenleben mit einem geschiedenen und einem neuen Ehemann skandalös war. Ist schon diese Solidarität, die Victoria und ihre 1845 geborene Schwester Tennie auch gegenüber ihren Eltern zeigten, beeindruckend, so überrascht noch mehr, dass Victoria trotz der miesen Erfahrung mit ihrem ersten Mann nie zur Männerhasserin wurde. Aber nicht nur das wird sie von vielen Mitstreiterinnen um Frauenrechte unterscheiden.
Zusammen mit Dr. Woodhull und dem geliebten, überall als „Halbidioten“ vorgestellten Sohn Byron zog sie zunächst nach Chicago, dann nach San Francisco, wo sie ihre Familie durch Schauspielerei und wohl auch gelegentliche Prostitution ernährte, bis sie während einer Theateraufführung wieder einmal eine Vision hatte. Sie hörte ihre Schwester Tennie sagen: „Victoria, komm heim.“ Sofort verließ sie die Bühne, lief noch kostümiert ins Hotel, packte und erreichte mit Mann und Kind das Morgenschiff nach New York. Als sie endlich im Haus der Mutter in Ohio ankamen, trafen sie auf die gar nicht überraschte Schwester. Tennie trugt die selbe Kleidung wie in der Vision und erklärte, ihre Mutter hätte ihr aufgetragen: „Mein Liebes, schick die Geister nach Victoria, sie sollen sie heimbringen.“
An übersinnliche Kräfte glaubte damals fast ganz Amerika, und die Schwestern zweifelten nicht, dass sie solche Kräfte besaßen. Als Victoria einmal in Indianapolis – die Familie war sehr häufig unterwegs – ins Hotel zurück kam, traf sie auf ihre verzweifelte Mutter. Byron sei ganz plötzlich krank geworden und vor zwei Stunden gestorben. Victoria schrie: „Nein, ich erlaube nicht seinen Tod!“, riss sich die Kleider von der Brust und presste das leblose Kind an sich. Das Bild des Raumes verschwamm vor ihren Augen, löste sich auf, und als sie immer noch stehend nach sieben Stunden wieder zu sich kam und das Kind aus ihren Armen glitt, war es gesund.
Aus solchen Fähigkeiten muss man Gewinn ziehen, zumal Tennie als Wunderheilerin  schon eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte. Zusammen mit ihrem Vater als Manager verdiente die 14jährige bereits 50 – 100 Dollar täglich, eine Summe, die wie alle hier genannten Dollarzahlen nach heutigem Wert fast zehnmal so hoch ist. Eine eigene, wohl völlig wertlose Mixtur, das Miss Tennessee´s Magnetio Life Elixir, fand reißenden Absatz, allerdings mussten die Woodhulls immer häufiger das Revier wechseln, da sich die eine oder andere teure Heilung doch als Schwindel erwies. 
In ihrer Rolle als „spiritistische Ärztin“ lernte Victoria 1864 den Nordstaaten-Offizier und  Sekretär der Spiritistischen Gemeinde von St. Louis, Colonel James Harvey Blood, kennen. Der Mann muss ihr sofort gefallen haben. Zwecks Diagnose seiner (oder seiner Frau?) Leiden versetzte sich Victoria in Trance und murmelte etwas, das der Colonel nur verstehen konnte, idem er sein Ohr an ihre Lippen legte. Was er hörte, muss ihm zunächst verwirrt haben. Victoria prophezeite ihm, dass ihrer beider Zukunft durch eine Heirat verbunden sei.
Blood verließ seine Frau und das einträgliche Amt des städtischen Buchprüfers und heiratete in Ohio Victoria, ohne seine erste Ehe auflösen zu lassen. Aber das kümmerte schon im Nachbarstaat niemanden. Häufige Brände vernichteten damals viele Archive, auch Tennie galt lange als ledig, obwohl sie verheiratet und vielleicht sogar wieder geschieden war.
Im Frühjahr 1868 reisten die Schwestern nach New York, um den reichsten Mann Amerikas kennen zu lernen, Cornelius Vanderbilt. Tennie bot sich dem 74jährigen als Magnetheilerin an und wurde alsbald seine Geliebte. Vanderbilt mochte die beiden beeindruckend schönen Frauen, die sowohl als Ladies im Empfangszimmer wie als Liebhaberinnen im Schlafzimmer zu überzeugen wussten. Noch im selben Jahr machte er Tennie einen Heiratsantrag, doch sie lehnte ab. Das große Feuer in Chicago, das auch ihre Ehepapiere zerstören sollte, ereignete sich erst 1871. Da die Schwestern als Heilerinnen rund 100 000 $ verdient und einiges davon zurückgelegt hatten und Vanderbilt Frauen gegenüber längst nicht so knauserig war wie gegenüber Geschäftspartnern, eröffneten sich ihnen in New York völlig neue Möglichkeiten. Victoria begann, sich für die Rechte der Frau einzusetzen und fuhr 1869 zum ersten Nationalen Konvent der Frauenrechtlerinnen nach Washington. Dort sah sie die gutbürgerlichen Mütter der Suffragetten, Elizabeth Cady  Stanton, Susan B. Anthony, Lucretia Mott, allesamt Frauen, deren politischer Horizont ihr freilich feministisch beengt und reaktionär schien. Sie forderten z. B. das Frauenwahlrecht mit dem Argument, dass schwarze Männer, die in einigen Staaten bereits wählen durften, bekanntlich weniger intelligent seien als weiße Frauen. Sollten also schwarze Dummköpfe Gesetze machen dürfen für weiße Frauenrechtlerinnen?
Victoria hörte zu, beteiligte sich aber kaum an der Diskussion, sondern bemühte sich, einige anwesende Reporter auf sich aufmerksam zu machen. Ihnen schilderte sie ihre Vorstellungen, die, wie ein Journalist von der „New York World“ schrieb, durchaus eigenständig, weniger männerfeindlich, mehr politisch seien. In seinem Bericht nannte er Victoria „Die kommende Frau“.
Beinahe wäre diese Karriere vorzeitig hintertrieben worden. Vanderbilts Sohn William war die Beziehung seines Vaters zu den Schwestern unheimlich, er fürchtete um sein Erbe. Daher bot er ihnen an, eine längere Europareise zu bezahlen. In der Nacht vor der Abreise schreckten beide gleichzeitig vom Bett hoch und sagten einander wie aus einem Mund: „Wir sollten jetzt nicht nach Europa fahren.“ Statt dessen gingen sie zu Vanderbilt, den der Verzicht auf die Reise sehr freute. Ihm erzählten sie von ihrem Plan, an der Wallstreet ein Brokerbüro zu eröffnen. Sie hatten inzwischen einige Erfahrung mit Aktien und Gold und auch genügend Kapital, um dies aus eigener Kraft finanzieren zu können. Aber sie ahnten, dass Geld allein für einen Erfolg nicht reicht. Vanderbilt gefiel die Geschäftstüchtigkeit und der Mut der Frauen, zur Geschäftsgründung gab er ihnen einen eigenhändig ausgestellten Scheck über 7000 $. 
Tennie deponierte diesen Scheck zunächst bei dem prominenten New Yorker Bankier Henry Clewes, womit sich die Kunde von Vanderbilts Investment sofort im ganzen Finanzdistrikt verbreitete. Wenige Tage später informierte Tennie den Bankier, dass sie einen Tipp aus bester Quelle bekommen habe und 1000 Anteile der „New York Central“ kaufen wolle. Clewes solle ihr bitte einen entsprechend hohen Scheck ausstellen. Mit diesem Scheck wollte sie zur Fourth National Bank gehen, wo auch Vanderbilt ein Konto hatte, um den Scheck für ihr Aktiengeschäft vorzulegen. Zunächst aber kehrte sie zu Clewes zurück und berichtete, dass die Bank eine Identifikation wünsche. Clewes beauftragte einen Angestellten, Tennie zu begleiten und die Seriosität der Kundin zu bestätigen. Damit waren die Schwestern bei Clewes als Vanderbilts Vertraute und bei der Fourth National Bank als Clewes Kundinnen fast unbeschränkt kreditwürdig. An Vanderbilt schrieben die Schwestern später: „Es war Ihr Scheck mit Ihrem Namen, von Ihrer Hand ausgestellt, der unser Schlüssel war zu den Gefilden, die andernfalls verschlossen geblieben wären, der aller Welt verkündete, dass wir von Ihnen protegiert werden, was unserem Projekt Prominenz und Bedeutung verlieh.“
Dieses Schlüssels bedienten sich die Schwestern souverän. Sie ließen sich zuerst prächtige Visitenkarten drucken und schickten zwei davon an den „New York Herald“, um sich für eine kurze Meldung ihrer Geschäftseröffnung zu bedanken. Der „Herald“ beauftragte daraufhin Thomas A. Masterson, ein großes Interview mit den Schwestern zu führen. Tennie empfing den Reporter in ihrem Zwei-Zimmer-Appartement, erzählte ihm, dass sie sechs Jahre Recht studiert hätte in der Kanzlei ihres Vaters. Das stimmte freilich nicht ganz. Ihr Vater besaß nie eine Kanzlei, und  ihr Rechtsstudiums hatte bestenfalls darin bestanden, eine Verhaftung und Verurteilung wegen Betrugs zu vermeiden. Zutreffender war schon der Hinweis, dass sie sich zusammen mit ihrer Schwester seit zwei, drei Jahren mit Aktien beschäftigt habe. Sie deutete auch an, dass Mr. Vanderbilt sie an seiner Weisheit und seiner Erfahrung teilhaben lasse. Ganz zufällig kam Victoria hinzu und informierte Tennie beiläufig von einem Geschäft, das ihnen gerade 700 000 $ eingebracht habe. Der Journalist war schwer beeindruckt und titelte seinen Bericht: „Königinnen der Finanzwelt“. 
Als nächstes mieteten die „bezaubernden Brokerinnen“ ein prächtiges Büro, richteten es  kostbar ein und ließen es sogar an die Telegraphenleitung anschließen. Für die New Yorker Presse war dies ein willkommener Anlass, erneut über die erfolgreichen Schwestern zu berichten. Auch der Schriftsteller Walt Whitman wurde auf sie aufmerksam, besuchte sie und erklärte öffentlich, diese beiden Schwestern seien „eine Prophezeiung der Zukunft“.
Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen schlossen Victoria und Tennie ihr Büro nicht um drei Uhr nachmittags, sondern veranstalteten Abendgesellschaften, Sonntagsmatineen oder luden zu After-Business-Treffen ins Astor-House-Hotel ein. Die Gästelisten nennen die wichtigsten Unternehmer, die bedeutendsten Reformer, zahlreiche Anarchisten und selbstverständlich fast alle Verleger New Yorks. Die Stories für deren Blätter liefert die Schwestern selbst. Tennie z. B. entlarvte einen Scheckbetrüger, zusammen mit ihrer Schwester verspottete sie die Borniertheit des New Yorker Establishments: Obwohl Tennie und Victoria wussten, dass in Charlie Delmonicos Restaurant Frauen ohne Herrenbegleitung unerwünscht waren, verlangten sie den Zutritt. Delmonico war es schrecklich peinlich, die beiden berühmten und zudem noch äußerst attraktiven Frauen abweisen zu müssen, aber, so erklärte er ihnen, er dürfe keinen Präzedenzfall schaffen. Worauf Tennie auf die Straße ging, mit dem ersten Kutscher, der ihr begegnet war, zurück kam und Tomatensuppe für drei bestellte.
Auf einer ihrer Abendgesellschaften lernte Victoria Stephen Pearl Andrews kennen. Andrews war einer der interessantesten Intellektuellen New Yorks, Reformer, Soziologe, Rechtsanwalt, Sprachwissenschaftler und Autor eines Standardwerkes über den amerikanischen Anarchismus („The Science of Society“). Obwohl keine der von ihm gegründeten Kommunen wie „Modern Times“ lange bestand, blieb er zeit seines Lebens ein utopischer Romantiker. Nun wurde der 61jährige „queer philosopher“ zum Lehrer und Mitarbeiter der damals 31jährigen Victoria. 
Um das Geschäft kümmerte sich Blood. Nicht als Victorias Ehemann, nur als Angestellter mit einem Gehalt von 75$ im Monat war er an Gewinnen und Verlusten des Unternehmens beteiligt. Für Victoria war der Aktienhandel nur das Sprungbrett zu Höherem.
Im März 1870 bot sie sich in einem Brief an den „New York Herald“ als Kandidatin für das US-Präsidentenamt an. Der Zeitpunkt war geschickt gewählt. Für den 6. April hatten die zwei größten, seit März 1869 gespaltenen Frauenrechtsgruppen zu einem Vereinigungstreffen in New York eingeladen. Victorias Brief erschien in großer Aufmachung am 2. April im „Herald“ und machte die Kandidatin zur interessantesten Kongressteilnehmerin. Eine Artikelserie im „Herald“ über „Die Grundlage des Regierens“ , „Die Ursprünge, Tendenzen und Prinzipien des Regierens“ und ähnliche politikwissenschaftliche Themen sollte Victoria als Politikerin ausweisen. Verdächtigungen, dass die Texte mehr von Andrews als von ihr stammen würden, wies Victoria nicht einmal zurück, sondern stellte fest: „Für uns macht es keinen Unterschied, von wem die Wahrheit gesagt wird, Hauptsache, sie wird gesagt.“
Zur Unterstützung ihrer Präsidentschaftskandidatur gründete Victoria mit ihrer Schwester im Mai 1870 „Woodhull and Claflin´s Weekly“. Diese Wochenzeitschrift modernen Typs kommentierte politische und gesellschaftliche Ereignisse, veröffentlichte Finanznachrichten, Börsenkurse, gelegentlich auch Sportergebnisse, soweit sie Mr. Vanderbilt interessierten. Manche Beiträge wie z. B. die wiederholten Aufforderungen an Frauen, sich mehr um Lebensversicherungen zu kümmern, dienten wohl vor allem dazu, beträchtliche Anzeigenerlöse zu erzielen. Jede Ausgabe hatte 16 Seiten, war mit fast schnörkelloser Schrift auf schwerem Papier gedruckt in einem Format, das ein wenig größer war als üblich. Die Auflage der von Vanderbilt mitfinanzierten Zeitschrift betrug zunächst 20 000 Exemplare und sollte auf 50 000 steigen.
Auf der ersten Seite der ersten von insgesamt 288 Ausgaben stand der Anfang einer Novelle George Sands, „Malgré Tout“, die Geschichte einer schönen, ehrgeizigen Frau, die Macht gewinnt. Mit diesem Abdruck verbündete sich Victoria mit dem liberalen New Yorker Flügel der Frauenbewegung gegen die konservative Bostoner Konkurrenz um Harriet Beecher Stowe („Onkel Toms Hütte“), die George Sand wegen deren „irregulären“ Sexuallebens scharf verurteilte.
Freilich war Victorias redaktionelle Entscheidung ein wenig voreilig. Sie übernahm den Text aus einer französischen Zeitschrift, die Sands Novelle in Fortsetzungen brachte. Als Victoria merkte, dass die Heldin von Folge zu Folge weniger sympathisch und damit ihr immer unähnlicher wurde, dass Sand nicht das Porträt einer strahlenden Siegerin, sondern einer skrupellosen Aufsteigerin zeichnete, verschob Victoria die Fortsetzungen im Blatt ganz nach hinten. Dafür erschienenen, vermittelt von Tennie, an prominenter Stelle Gedichte sowohl der Ehefrau wie auch der Tochter des amtierenden Präsidenten der USA, Ulysses S. Grant. Victoria war fast jeder Verbündete recht. Erst Ende des Jahres gewann „Weekly“ mit einem neuen Logo politisches Profil: „Fortschritt! Gedankenfreiheit! Ungehemmte Leben! Den Weg für künftige Generationen bahnen!“
Im Spätherbst 1870 reiste Victoria als selbsternannte Lobbyistin der Frauenbewegung nach Washington, nahm Kontakt auf zu dem einflussreichen Abgeordneten General Benjamin Butler, ging mit ihm ins Bett und schrieb – wohl mit seiner Hilfe – „The Memorial of Victoria C. Woodhull“. Butler sorgte auch dafür, dass Victoria ihre Forderungen dem Kongresskomitee für Rechtswesen persönlich vortragen durfte – eine Ehre, die vor ihr noch keiner Frau in den USA zuteil geworden war. Im Unterschied zu den moralisierenden Frauenrechtlerinnen argumentierte Victoria politisch: Die Verfassung der USA macht keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern, Frauen wie Männer sind Bürger und müssen Steuern zahlen, also haben Frauen wie Männern das Recht zu wählen.
Während die große Presseresonanz Präsident Grant veranlasste, Victoria ins Weiße Haus einzuladen, lehnte die Mehrheit des Komitees die Eingabe als unnötig ab mit der Begründung, Verfassungsfragen wie das Wahlrecht für Frauen müssen von den Gerichten entschieden werden.
Trotzdem wurde Victoria mit dieser Aktion zu einer der prominentesten Frauenrechtlerinnen der USA. Für einen Vortrag über das Frauenwahlrecht mietete sie zum 16.2.1871 den größten Saal Washingtons, die Lincoln Hall. Ihr Auftritt wurde nicht nur zur größten Veranstaltung, die jemals in der Lincoln Hall stattfand, er war auch großartig. Zu einer Zeit, in der die Menschen der Magnetismus so sehr interessierte wie uns heute die Gentechnik, verstand es Victoria, ihre Zuhörer zu magnetisieren, auch in New York. Dort versuchte sie zudem auf einer Versammlung der Frauenrechtlerinnen, Frauen- und Arbeiterbewegung zusammenzubringen, bevor sie am 11.5.1871 in der Apollo Hall das politische System frontal angriff: Falls Republikaner und Demokraten weiter das Frauenwahlrecht blockieren, müssen die fortschrittlichen Frauen und Männer Amerikas eine neue, eine eigene Regierung bilden. Während sich die „Times“ nur beeindruckt zeigte von Victorias Wissen, ihrer Souveränität, bekannte die „Tribune“: „Wir werfen unsere Hüte in die Luft für Woodhull. Sie hat den Mut zur eigenen Meinung.“ Mit einem Brief in „Weekly“ begann sie eine Kampagne zur Gründung einer neuen Partei. In dem von ihr selbst verfassten Brief schlugen einige unbekannte Frauen und Männer die Ausrufung einer „Victoria League“ vor. Natürlich gefiel Victoria ihre eigene Idee, in ihrer Antwort verglich sie sich sehr selbstbewusst mit der englischen Königin und entwarf die Perspektive zweier großer Nationen, die von zwei Namensschwestern geführt werden.
Konventionen kümmerten sie nur mehr wenig. Einem Reporter der „New York Sun“ führte sie die Kleidung vor, die sie als Präsidentin der USA tragen werde: Kniehosen aus dunkelblauem Stoff, hellblaue Strümpfe, eine dunkelblaue Bluse mit Männerkragen und Krawatte, die Haare kurz geschnitten wie bei einem Jungen. Der Journalist meinte es wohl nur gut, als er sie warnte: „Mrs. Woodhull, wenn sie so gekleidet auf die Straße gehen, wird die Polizei sie festnehmen.“
Nun duldet die Gesellschaft vielleicht manchen Spleen, doch wenn es ans Eingemachte geht, wenn ihre Prämissen der Moral und der Wirtschaftsordnung gefährdet scheinen, kennt sie keinen Spaß mehr. Hierin hat sich Victoria gründlich verschätzt.
Als ihr Zusammenleben mit ihrem ersten und ihrem zweiten Mann in einem Verfahren öffentlich und damit zum Skandal wurde, schrieb sie einen Brief an die „New York Times“: „Ich rechtfertige freie Liebe in dem höchsten, reinsten Sinne als das einzige Heilmittel gegen Unmoral, gegen diese tiefe Verdammnis, in der Menschen Gottes heiligste Einrichtung, die sexuellen Beziehungen, verderben und verunstalten.“ Doch nicht genug damit, der Ärger über die Scheinheiligkeit ihrer Kritiker provozierte sie zu der Behauptung: „Ich weiß von einem Mann, einem berühmten öffentlichen Lehrer, der Ehebruch treibt mit der Frau eines fast ebenso berühmten öffentlichen Lehrers. Alle drei wirken zusammen, wenn es darum geht, die Moral gegenüber Kritikern zu verteidigen.“ Mit solcher Heuchelei, forderte Victoria, müsse endlich Schluss ein.
Bei den Lehrern handelte es sich um den Verführer Henry Ward Beecher, 58, einen immens populären und wirkungsvollen Prediger, und den Betrogenen Theodore Tilton, einem Redakteur und gelegentlichen Ghostwriter Beechers. Ihr gemeinsamer Verleger war Henry A. Bowen, dessen Ehefrau ebenfalls ein Verhältnis mit Beecher gehabt hat. Als Tilton, wie Beecher ein Gockel unter Frauenrechtlerinnen, nun Victorias Andeutung bestätigte, ihr Geliebter wurde und in Bowens „Independent“ gewiss nicht uneigennützig eine Scheidungsreform verlangte, schmiss der strenggläubige Verleger ihn raus. Freunde sammelten 15 000 $, damit Tilton seine eigene Zeitschrift, „The Golden Age“, machen könne. Der Ehebrecher Beecher nahm sogar eine Hypothek auf, um den Gehörnten zu unterstützen. Dafür machte Tilton seine Geliebte Victoria mit Beecher bekannt, der trotz seines Gewichts von 200 Pfund ein guter Liebhaber gewesen sein muss, wie Victoria wenig später halböffentlich bestätigte.
Dass sie freie Liebe praktizierte wie fast alle prominenten New Yorker, hätte man Victoria noch nachgesehen. Dass sie aber nicht den Schein wahrte, dass sie, schlimmer noch, freie Liebe auch für die Massen propagierte und für Frauen das gleiche Recht auf sexuelle Beziehungen forderte, wie es für Männer üblich war, ging schon etwas weit. Dass sie schließlich von den Stützen der Gesellschaft auch noch verlangte, sich zu ihrer sexuellen Libertinage zu bekennen und ihren Kampf für freie Liebe zu unterstützen, überspannte den Bogen. Gewiss, Tilton als Kleinverleger konnte sich öffentliche Auftritte mit Victoria leisten, an Beecher aber hing sehr viel, zu viel Geld. Er war das Zugpferd der Plymouth Church, eines blühenden Wirtschaftsunternehmens, Hauptautor der sehr einträglichen Zeitschrift „Christian Union“ und hatte gerade für sein geplantes Buch „The Life of Christ“ 20 000 $ Vorschuss erhalten. Beechers Profitabilität hing von seinem Ruf ab. Als Victoria ihn nun bat, bei einer großen Rede über soziale, also sexuelle Freiheit in der New Yorker Steinway Hall als Versammlungsleiter aufzutreten, und ihm im Fall seiner Verweigerung drohte, einige Erfahrungen preisgeben zu wollen, versuchte Beecher, ihr den Wunsch auszureden. Er stimme natürlich in allen Punkten vollständig mit ihr überein, könne dies aber nicht öffentlich vertreten. „Ich würde wie eine lebende Lüge dastehen.“ Der berühmteste Prediger Amerikas kniete sich vor ihr nieder und bat sie mit Tränen in den Augen, ihn nicht vorzuführen.
Victoria nahm noch einmal Rücksicht. Vor 3000 Zuhörern, die trotz strömenden Regens gekommen waren, hielt sie, ohne Beecher zu erwähnen,  ihre erste große Rede über freie Liebe. Dabei stützte sie sich sowohl auf Andrews Begriff der „self-ownership“ als auch auf Goethes Wahlverwandtschaften, für deren neue US-Ausgabe sie das Vorwort geschrieben hatte: Jedes Individuum gehöre nur sich selbst, weil es ein in ihm liegendes Recht an sich habe, das an keine andere Person delegiert werden könne. „Frauen haben dasselbe Recht an sich wie Männer und dürfen daher nicht besessen und benutzt werden von einer anderen Person. Sexuelle Beziehungen müssen befreit werden von dieser heimtückischen Form der Sklaverei. Frauen müssen sich aus ihrer Stellung als Dienerinnen männlicher Leidenschaften zu Gleichen emporschwingen. Frauen haben die Pflicht zur Selbständigkeit.“ Sie sehe in der Monogamie durchaus die beste Form einer sexuellen Beziehung, aber nur so lange, wie die Liebe dauert. „Man kann nun fragen: Was ist die rechtmäßige Folge sozialer Freiheit? Ich antworte ohne zu zögern: Freie Liebe oder Freiheit der Gefühle. Und praktizieren Sie freie Liebe, lautet dann meist die ungläubige Frage. Ich antworte für gewöhnlich: Ich tue es. Und ich kann ehrfurchtsvoll und aus voller Überzeugung die Stimme zu meinem Schöpfer erheben und ihm danken, dass ich es tue. Und jenen, die mich deswegen kritisieren, sage ich: Ja, ich bin Anhängerin der freien Liebe. Ich habe das unveräußerliche, konstitutionelle und natürliche Recht, den zu lieben, den ich lieben möchte, so lange und so kurz wie ich es kann, die Liebe zu ändern, wann immer ich es will, und niemand und kein Gesetz darf sich dabei einmischen.“
Während Victoria diese Rede innerhalb von 13 Tagen in 11 Städten wiederholte, zündelte Tennie weiter am Heucheleiprojekt. Sie veröffentlichte in „Weekly“ den (wohl selbst geschriebenen) Brief einer Prostituierten, die sich über ihre Behandlung durch die Gesellschaft beklagt und zwei dicke Bücher erwähnt, in denen sie die Namen aller Kunden verzeichnet habe. Tennie antwortete in „Weekly“, dass sie im Augenblick von den Büchern keinen Gebrauch machen wolle, aber ihre Meinung gewiss ändern würde, wenn Victorias Gegner ihre Heuchelei nicht umgehend beenden. Teile der New Yorker Gesellschaft, die der Streiterin für freie Liebe eben noch enthusiastisch applaudiert hatten, fühlten sich fortan sehr unwohl.
Hätte Victoria sich auf ihre Karriere als Sexualreformerin beschränkt, wäre der Skandal vielleicht vermeidbar gewesen. Aber ihre Verachtung galt mehr noch als heuchlerischen Männern einer verlogenen, ungerechten, unsozialen Gesellschaft. In Karl Marx glaubte sie, einen Mitstreiter gefunden zu haben. „Weekly“ veröffentlichte zum ersten Mal in den USA das „Kommunistische Manifest“ und druckte einen Artikel aus dem „Leipziger Grenzboten“ über „Charles“ Marx und den Kommunismus nach. Der große Theoretiker zeigte sich höchst erfreut. In einem Brief an Victoria und Tennie vom 23.9.1871 lobte er ihre Zeitschrift als „highly interesting“, bot den Abdruck eines Berichtes seiner Tochter Jenny über deren Erfahrungen mit den französischen Behörden an und schloss formvollendet: „I have the honor, Mesdames, to remain, Yours most sincerly Karl Marx.“
Victoria dürfte Marx über Andrews kennen gelernt haben, der Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation war. In seiner Sektion 12 waren Marxisten wohl in der Minderheit, hauptsächlich bestand sie aus Spiritisten, Frauenrechtlerinnen und Anhängern der freien Liebe. Aber sie hatte eine Frauengruppe, deren Vorsitzende mit Andrews Unterstützung Victoria und Tennie wurden. Vor allem deutsche Genossen in den USA waren empört, sie denunzierten die Schwestern als Pseudokommunistinnen, als bourgeoise Intellektuelle. Engels selbst warnte Wilhelm Liebknecht vor den Schwestern: Ihre Sektion bestünde „aus den Yankee-Bourgeoisfreunden der Mesdames Woodhull und Claflin, Leute, die sich durch ihre free love Praxis in Verruf gebracht, die alles mögliche verlegen – a universal government, spiritism (Geisterbeschwörung à la Home) etc., nur nicht unsere Sachen.“ Noch abfälliger äußerte sich nun Marx gegenüber Laura Lafargue: „Es sind Betrüger, die uns kompremittieren.“ 1872 wurde die ganze Sektion 12 aus der Internationalen Arbeiterassoziation ausgeschlossen. 
Tatsächlich war Victorias Kommunismus eine krude Mischung Marxscher und Whitmanscher Gedanken mit christlichen Glaubenssätzen. In einem ihrer zahlreichen Kommunismusartikel in „Weekly“ stellte Victoria fest: „Wir haben keinen Zweifel, dass Jesus Christus, wäre er heute unter uns, Mitglied der Internationale wäre, da alle seine Lehren der Tendenz nach kommunistisch sind.“
Für den 20. Februar 1872 kündigte Victoria eine Rede über „Die bevorstehende Revolution“ in der New Yorker Academy of Music an. Berichte aus Boston und Washington, wo sie die Wirkung ihrer Rede getestet hatte, versprachen Schockierendes. Die Veranstaltung war nicht nur ausverkauft, auf dem Schwarzmarkt wurde für ein 50-Cent-Ticket 10 Dollar bezahlt. 
Mit dieser Rede wollte Victoria die Unterstützung der Arbeiterschaft für ihre Präsidentschaftskandidatur gewinnen. Scharf kritisierte sie die Reichen, auch ihren Gönner Vanderbilt: „Ein Gesellschaftssystem, das eine derart willkürliche Verteilung des Reichtums erlaubt, ist eine Schande für die christliche Zivilisation.“ Mit Christus teile sie die kommunistische Überzeugung.
Da musste Victoria aber eine sie überraschende Erfahrung machen. Die New Yorker Presse, die für gewöhnlich Victorias Reden ausführlich zitierte und kommentierte, erwähnte mit keinem Wort ihre antikapitalistischen Angriffe. Keine Zeitung druckte das Wort „Kommunismus“. Statt dessen polemisierte z. B. die „New York Times“: „Warum sollte Mrs. Woodhull nicht ihren Glauben an die Theorie beweisen, dass Reichtum ein Verbrechen ist? Lasst sie doch ein Freudenfeuer am Union Square entzünden und eine Prozession gleichgesinnter Frauen anführen, die ihren schäbigen Reichtum in die Flammen werfen. Wenn ihre besten schwarzen Seidengewänder und ihre flotten Seehundfelljacken, ihre Diamantringe und ihre goldenen Halsketten, ihre zierlichen hochhackigen Schuhe knistern und brennen und im Feuer schmelzen, werden endlich die intelligenten Arbeiter dieser Stadt leidenschaftlich glauben, dass Mrs. Woodhull jenen Luxus nicht liebt, den sie nicht mit ihrer Hände Arbeit verdient hat.“
Als die „New York Times“ den Abdruck einer Erwiderung verweigerte und „Harper`s“ sie bösartig als „Mrs. Satan“ karikierte, warf sie in „Weekly“ Journalisten und Verlegern vor, Mitschuld zu tragen an all den Fehlentwicklungen, die Reformen und Revolutionen notwendig machen. Für den 10. Mai 1872 berief sie, unterstützt von 25 Reformern, eine politische Versammlung ein, auf der 668 Teilnehmer aus 22 US-Staaten die Gründung der Equal Rights Party beschlossen und Victoria als Präsidentschaftskandidatin nominierten. Nachdem Victoria das unterdrückte Geschlecht repräsentierte, suchte man noch einen Repräsentanten der unterdrückten Rasse. Da kein Schwarzer anwesend war, entschied sich die Versammlung für den bekanntesten Negerführer, Frederik Douglas, ohne ihn freilich nach seiner Bereitschaft zur Kandidatur als Vizepräsident zu fragen. (Victoria wird Douglas erst fünfzehn Jahre später in Rom begegnen. Er weiß dann zwar noch immer nicht, dass er als Victorias Vize vorgesehen war, findet aber Victoria sehr interessant und sympathisch.)
Vorgesehen war, die Partei und wohl auch Victorias Lebensunterhalt aus dem Verkauf von Anleihen zu finanzieren. Noch während der Versammlung wurden Bonds im Werte von 1600 $ verkauft und für 4700 $ gezeichnet. Aber das war es auch schon. Erstaunt musste Victoria feststellen, dass ihre zahlreichen Geschäftsfreunde kein Interesse zeigten, sondern sich von ihr abwandten und die New Yorker Presse den Parteikonvent als eine Versammlung „wilder Männer und Frauen“ verhöhnte. Zwar hatten diese Tabak schnupfenden und kauenden „Wilden“ keinen einzigen Tabaktropfen hinterlassen, doch wegen der „Klasse“ der zu erwartenden Leute weigerte sich das Grand Opera House, seine Räume für das Ratifizierungstreffen der Partei zu vermieten, Victoria wurde plötzlich in den besseren Kreisen gemieden. Die Grundlage ihres gesellschaftlichen Erfolges war, wie sie nun erkannte, weder ihre Intelligenz, noch ihr Charme oder ihr Programm gewesen, sondern ihr Geld.
Zwei Monate nach der Parteigründung war Victoria finanziell ruiniert. Kein New Yorker Makler war noch bereit, ihr ein billigeres Privathaus zu vermieten, das vorhandene jedenfalls konnte sie nicht weiter bezahlen. Eines Abends fand sie bei der Heimkehr ihre Sachen auf der Straße, vier Wochen lang lebte die ganze Familie im Büro. Die Wochenzeitschrift musste eingestellt werden, Victoria erklärte sich für bankrott, und Beecher, den sie um Hilfe gebeten hatte, ihr Image beim Establishment zu verbessern, rührte keinen Finger.
Victoria war tief verletzt und wütend. Auf dem Bostoner Jahrestreffen der American Association of Spiritualists wollte sie eigentlich über soziale Hilfe sprechen. Doch als sie auf der Bühne stand, wurde sie wieder einmal „ergriffen von einer dieser überwältigenden Inspirationen, die manchmal über uns kommen“ und erzählte alles über den Beecher-Tilton-Skandal.
Die Zuhörer waren begeistert, Victoria wurde als Präsidentin der Vereinigung wiedergewählt. Auf der anschließenden Vortragsreise verdient sie genug, um „Weekly“ wieder erscheinen lassen zu können. Die Zeitschrift sollte ihr helfen, sich an der New Yorker Gesellschaft zu rächen.
Zum 25. Jahrestag von Beechers Eintrit in die Plymouth Church erzählte Victoria auf Seite 9 des wiedererstandenen „Weekly“ Beechers Geschichte. Victoria betonte, dass sie die Liebschaften des Predigers überhaupt nicht interessieren, schließlich nehme sie sich das Gleiche heraus, doch seine Scheinheiligkeit sei ihr unerträglich. Und wer sie wegen dieser Veröffentlichung angreift, soll entlarvt werden. Ihr lägen 500 ganz ähnliche Biografien vor.   
Um dieser Drohung Nachdruck zu verleihen, berichtete Tennie in derselben Ausgabe, sie und Victoria hätten auf dem Französischen Ball den Börsianer Luther C. Challis beobachtet, wie er zusammen mit einem Freund zwei Mädchen, 15 und 16 Jahre alt, mit Wein abfüllte, bevor er mit ihnen verschwand. „Und dieser Schurke Challis trug dann zum überall vorgezeigten Beweis, dass er eine Jungfrau verführt hat, tagelang die rote Trophäe ihrer Jungfräulichkeit an seinen Fingern.“
Die Ausgabe von „Weekly“ wurde unter größter Geheimhaltung hergestellt, übers Wochenende an alle größeren Zeitung im Land versandt, bevor sie am 28.10.1872 am Kiosk erschien. Die 100 000 Exemplare waren sofort ausverkauft, für ein Heft, das 10 Cents kostete, wurden bald 50 Cents, dann 2,50 $ bezahlt, bis zu 40$ wurden schließlich geboten. Ganz Schlaue verliehen ihr Exemplar für 1$ pro Tag. Zwar weigerte sich der Vertrieb, neue Auflagen zu übernehmen, aber zumindest in größeren Städten konnte der Verkauf durch Zeitungsjungen organisiert werden. „Weekly“, aber das blieb auch das einzig Positive an der ganzen Angelegenheit, war für fast vier Jahre wieder im Geschäft.
Allerdings kam nun auch die große Stunde Anthony Comstocks (1844-1915). Dieser Prohibitionist und Gründungsvater der Anti-Porno-Bewegung, der sein ganzes Leben der Ausrottung jeglicher Obszönität widmete, hatte ein Gesetz durch den Kongress gebracht, das es verbot, obszöne Publikationen mit der Post zu versenden. Bevor er 1873 ermächtigt wurde, die Post fremder Menschen einfach zu öffnen, versandte oder bestellte er selbst angeblich obszönes Material, so auch einige Exemplare von „Weekly“. Sobald sie bei ihm eingetroffen waren, beantragte er Haftbefehle gegen Victoria, Tennie, Blood, Andrews und einen technischen Mitarbeiter des Verlages. Am 2.11.1872 verhafteten zwei Polizisten die Schwestern in einer Kutsche auf der Broad Street und beschlagnahmten die 3000 mitgeführten Zeitschriftenexemplare.
Zwar fand sich noch am selben Tag ein reicher Exzentriker, George Francis Train, der bereit war, die geforderte Kaution in Höhe von 16 000$ zu stellen, aber die Schwestern lehnten das Angebot ab, da man sie sicher sofort wieder wegen einer anders formulierten Anklage verhaften würde. Victoria verbrachte so den Tag der Präsidentenwahl (5.11.1872) als Kandidatin im Gefängnis. Gewiss unabhängig davon wurde Grant wiedergewählt.
Während Beecher schwieg, klagte Challis wegen Verleumdung. Tennie gab zu, auch mit ihm geschlafen zu haben, bestritt aber den Vorwurf der Erpressung, wie sie im Zeitungswesen damals durchaus üblich war: Man verkaufte nicht nur Anzeigenraum, sondern auch den Nichtabdruck von Nachrichten.
Einen ganzen Monat verbrachten die Schwestern im Gefängnis, bis sie nach Zahlung mehrerer Kautionen vorläufig frei kamen. Als Comstock jedoch erfuhr, dass Victoria am 9.1.1873 einen Vortrag halten wollte mit dem schockierenden Titel „Die nackte Wahrheit“, wurde er erneut aktiv. Unter falschem Namen bestellte er den Text der Rede, erhielt ihn von Blood zugesandt, worauf er ihn am 9.1. verhaften ließ. Victoria, die von der Verhaftung ihres Partners rechtzeitig erfuhr, verkleidete sich als alte Quäkerin, ging zusammen mit 1000 Zuhörern an sechs Polizisten vorbei, die nach ihr Ausschau hielten und die Besucher darauf aufmerksam machten, dass die Veranstaltung nicht stattfinden werde, ließ sich von einem Polizisten noch auf die Bühne helfen und sprach über die Heuchelei der New Yorker Gesellschaft. Ihren Verfolger Comstock schimpfte sie einen Agenten Beechers, bevor sie sich festnehmen ließ. Eine Zuhörerin erinnerte sich: „Victoria sah aus wie die Personifikation der Freiheit in Waffen.“ Der Vorgang erregte sogar in Europa Aufsehen. Friedrich Engels bekannte: „Der Krakeel wegen Woodhull ... hat mich sehr erheitert.“ Gewiss wäre sein Vergnügen noch größer gewesen, hätte er lesen können, was Comstock nach Victorias Verhaftung seinem Tagebuch anvertraute: „In meinem Herzen fühle ich, Gott stimmt mir zu, und was will ich mehr. Wenn Jesus nur erfreut ist, sorgt mich nichts anderes.“ 
Nachdem insgesamt Kautionen in Höhe von 60 000 $ (nach heutigem Wert fast 700000 Euro) gezahlt worden waren, kamen Victoria und Blood frei. Victoria unternahm eine sehr erfolgreiche Lesereise, kämpfte vor Gericht gegen Comstocks Anklagen, bis sie vor Erschöpfung krank wurde. Tennie telegraphierte einem befreundeten Journalisten, dass Victoria im Sterben liege. Am nächsten Tag verkündeten die Schlagzeilen fast aller großen Ostküstenzeitungen ihren Tod. Inmitten unzähliger Trauergebinde wurde sie in sechs Tagen wieder gesund.
Acht Monate brauchten Richter und Staatsanwalt um zu erkennen, dass Periodika wie „Weekly“ gar nicht unter den Obszönitätsparagraphen fielen. Sie erklärten sich großzügig bereit, das Verfahren einzustellen, doch Victorias Anwalt setzte durch, dass die Schwestern freigesprochen wurden.
Nur politisch wollte sich Victoria nicht mehr engagieren, distanzierte sich von Andrews und öffnete „Weekly“ vermehrt spiritistischen Themen. Vor spiritualistischen Vereinigungen, die damals ein Sammelbecken waren für unkonventionelle, libertäre Freidenker, hielt sie Vorträge über die sexuelle Emanzipation der Frau. Die Honorare – 280 $ pro Vortrag – reichten aus, die Zeitschrift und die Familie zu finanzieren.
Auf der Jahresversammlung der Spiritisten in Chicago 1873 präsentierte sich Victoria als „schwache, ungebildete Frau“, wohl wissend, dass sie damit unter ihren Zuhörern Sympathie gewinnen würde. Die Konservativen unter ihnen ließen sich jedoch nicht beeindrucken, wollten Victoria vielmehr vorführen, indem sie immer wieder Fragen stellten über ihr Sexualleben. Souverän antwortete Victoria ihnen: „Ich hatte nie Geschlechtsverkehr mit einem Mann, für den ich mich, stünden wir Seite an Seite, schämen müsste. Ich schäme mich für keine Tat meines Lebens. Zum jeweiligen Zeitpunkt war es immer das Beste, das ich tun konnte. Ich schäme mich auch nicht irgendeines Verlangens oder irgendeiner Leidenschaft. Auch sie sind Teil meines Lebens, für das, Gott sei Dank, ich Ihnen nicht verantwortlich bin. Ich muss mich für nichts entschuldigen.“ Unter begeistertem Applaus wurde diese schwache, ungebildete Frau als Präsidentin der Vereinigung wiedergewählt. Sie schloss die Versammlung mit ihrer radikalsten Rede: Bisher habe sie nur das Recht für Frauen eingefordert, nein zu sagen. Nun verlange sie auch für Frauen das Recht, ja zu sagen, ja zum sexuellen Vergnügen und ja zur Befriedigung im Orgasmus. „Geschlechtsverkehr ist natürlich und rein, er stützt sich auf gegenseitige Liebe und Begehren und soll in beider Erfüllung (Victoria meinte damit den Orgasmus, K. P.) gipfeln.“ In Wirklichkeit empfinde die Hälfte aller Frauen selten oder nie Vergnügen am Geschlechtsakt. Das könne nicht folgenlos bleiben, denn: „Fehlende Orgasmen hinterlassen eine Leere in der Seele.“ Den Ahnungslosen unter ihren Zuhörerinnen versuchte sich sogar, einen Orgasmus zu schildern: „Das Herz schlägt schneller, die Augen glitzern, das ganze Wesen zittert in Ekstase, wenn es den Partner erkennt und umarmt.“ 
Nicht nur Benjamin Tucker muss Victorias Rede tief aufgewühlt haben. Der Student hatte sie in Boston gehört und das Glück gehabt, dass Victoria in ihrer Eile, noch den Nachtzug nach New York zu erreichen, ihre Stola im Vortragssaal vergaß. Tucker fand sie, lief Victoria bis zum Bahnhof hinterher, überreichte ihr atemlos die Stola, sie lächelte, dankte ihm und küsste ihn auf den Mund. Damals gab es noch keine Bussi-Gesellschaft, selbst ein Wangenkuss wäre unerhört gewesen.
Nach ihrem nächsten Vortrag in Boston konnte Tucker gar nicht anders, als Victoria im Hotel aufzusuchen. Zunächst traf er auf Blood, der ihn bat, beim Bühnenabbau mitzuhelfen. Später kam Victoria hinzu, schüttelte ihm mit beiden Händen herzlich die Hand und stellte ihn zwei Freundinnen vor. Man plauderte bis gegen 22 Uhr, dann bat Victoria Blood, die beiden Frauen nach Hause zu begleiten und verabschiedete sich von ihnen an der Türe. Victoria kam zu Tucker zurück, der in seinem Stuhl wartete, beugte sich über ihn, küsste ihn und sagte: „Darauf habe ich lange gewartet.“ Sie setzte sich auf seine Knie, aber Tucker erstarrte vor Unsicherheit. Lächelnd kehrte Victoria zu ihrem Stuhl zurück, und man plauderte bis zu Bloods Rückkehr. 
Am nächsten Morgen sollte Tucker wieder kommen. Victoria begrüßte Ihn: „Weißt du, ich würde sehr gerne mit dir schlafen.“ Doch Tucker traute sich immer noch nicht, versprach aber, nach dem Mittagessen erneut vorbeizuschauen. Als er gegen 15 Uhr Victorias Appartement betrat, saß Blood an einem Tisch und schrieb, Victoria lag auf dem Sofa. Sie habe Kopfschmerzen und sehne sich danach, dass Tucker seine kühle Hand auf ihren Kopf lege. Blood stand auf. Zum Arbeiten sei in diesem Raum zu viel Magnetismus spürbar, meinte er, nahm seine Papiere und erklärte, er wolle die Arbeit im Lesezimmer des Hotels fortsetzen.
Sehr langsam, sehr rücksichtsvoll brachte Victoria Tucker dazu, mit ihr zu schlafen. Was ihr Mann dazu sagen würde, fragte Tucker verwirrt. Victoria beruhigte ihn: „Oh, das geht schon in Ordnung. Außerdem sagte er über dich: Ich wüsste sehr gut, was ich täte, wenn er ein Mädchen wäre.“ 
Der Sex mit Victoria, erinnerte sich Tucker später, sei ganz normal gewesen und sehr fröhlich. Beim Abschied bat sie Tucker, sich im Leseraum von Blood zu verabschieden, damit dieser nicht länger dort hocken müsse.
Am Abend kam Tucker wieder, schlief noch einmal mit Victoria, ging aber gegen ein Uhr aus Rücksicht auf ihren Ehemann, der nicht die ganze Nacht auf einem unbequemen Sofa im Nebenraum ausharren sollte.
Diesen außergewöhnlichen Bericht über eine Liebelei im 19. Jahrhundert verdanken wir dem Umstand, dass Tucker Jahrzehnte später dringend Geld brauchte und daher bereit war, gegen ein sehr gutes Honorar Victorias erster Biografin das Verhältnis zu schildern. Sein Bericht scheint mir glaubwürdig, weil Tucker, immer noch beeindruckt von Victorias Persönlichkeit, seine Rolle als jungfräulicher Tollpatsch nie beschönigt hat.
Die wirtschaftliche Lage in den USA verschlechterte sich immer mehr. Nach 4000 Firmenpleiten 1872 kam es am 18.9.1873 zum Börsenkrach, der zahlreiche Bankimperien zusammenbrechen ließ. Victoria wollte die gesellschaftspolitische Verunsicherung nutzen, sprach über „Reformation oder Revolution“, warf den Kirchen vor, sich mit dem Kapitalismus eingelassen zu haben, und gegen diese Koalition sei das Volk machtlos. Doch diese Diagnose interessierte nur wenige, daher sagte Victoria die geplante Tournee ab und schrieb einen neuen Vortrag über Sexualität: „Erprobt im Feuer, oder das Wahre und das Falsche, gesellschaftlich“. In ihm erkennt sie die Sexualität als die psychische Grundlage des Charakters, eine Unterdrückung der Sexualität zerstöre daher den Charakter. Deswegen sei die sexuelle Emanzipation der Frau ebenso wichtig wie ihre politische Gleichberechtigung, wobei aber immer eine zeitlich begrenzte Monogamie der Promiskuität vorzuziehen sei. Es wurde Victorias erfolgreichster Vortrag, in 150 Veranstaltungen hörten ihn ca. 250 000 Menschen.
Während einer Parisreise, vor deren Antritt die New Yorker Polizei ihre Pariser Kollegen vor Victorias Umtrieben gewarnt hat, veröffentlichte Dr. Joseph Treat ein übles Pamphlet über Victoria. Hatte er sie 1873 noch „die Märtyrerin des 19. Jahrhunderts“ genannt, beschimpfte er sie und Tennie jetzt als Huren, Scharlatane. Auch diesen romantischen Sexualreformer müssen Victorias Souveränität, ihr kompromissloser Drang zur Selbstbestimmung, gewiss auch ihre Liebeleien tief verletzt haben. Finanziert von Beechers Unterstützern wurde nach Victorias Rückkehr Treats Pamphlet vor jedem ihrer Auftritte verteilt. Die Presse nannte Victorias Namen nur noch in Verbindung mit herabsetzenden Attributen: infames Weib, schwarz wie Raben, Advokatin der Scharlatanerie.
Ein Verleumdungsverfahren gegen Treat, der Prozess Tilton gegen Beecher, zunehmende Menstruationsbeschwerden zermürbten Victoria. Sie stellte den „Weekly“ ein, trennte sich von Blood, dem sie nie verzieh, dass er diesen Dr. Treat in ihren Kreis eingeführt hatte, und emigrierte im August 1877 mit ihrer ganzen Familie nach England. In New York hielt sich lange das Gerücht, der Vanderbilt-Erbe William hätte die Reise bezahlt.
Natürlich war die Emigration eine Flucht vor der eigenen Vergangenheit und das Eingeständnis des Scheiterns. Aber Victoria scheiterte nicht als Frau. Als Brokerin, Verlegerin, Reformerin war sie so erfolgreich wie kaum ein Mann ihrer Zeit. Sie gehörte zur New Yorker Gesellschaft, und hätte sie sich darauf beschränkt, sich nur Eskapaden privater Art zu leisten, wäre ihr Ruhm unbefleckt geblieben. Erst ihr Kampf gegen Heuchelei und für Sozialismus, und sei dieser noch so romantisch, machte sie zur Unperson, aber auch zu dem, was sie für immer bleiben wird in der Erinnerung: ein sehr mutiger, kluger Mensch, eine bewundernswerte emanzipierte Frau.
An dieser Einschätzung ändert auch nichts, dass Victoria und Tennie begnadete Egoisten waren. Ihr soziales, politisches und emanzipatorisches Engagement war nie selbstlos, sondern immer eigennützig. Darin unterschieden sie sich nicht von allen anderen bedeutenden Menschen, nur hatten sie das seltene Glück, für die Mehrung des eigenen Ruhm und Gewinns das Sinnvolle, Fortschrittliche zu wollen.
In England lernte Tennie bald Francis Cook kennen, einen der reichsten Männer des Empires, der sie nach dem Tod seiner ersten Frau 1884 heiratete. Als großzügiger Wohltäter wurde Cook zwei Jahre später geadelt, und so brachte es die amerikanische Kurpfuscherin, Abenteurerin und wohl auch Edelhure Tennie zur Lady.
Victoria traf John Biddulph Martin, einen sehr angesehenen Bankier. Seiner Familie wegen leugnete sie ihre Vergangenheit, bestritt, jemals an freie Liebe geglaubt, geschweige denn sie praktiziert zu haben, und konnte ihn schließlich mit dem Segen seiner Eltern heiraten.
In London schrieb Victoria zwei Bücher, „The Human Body, The Temple of God“ und  „The Philosophy of Sociology“, gab ein soziologisches Monatsmagazin heraus, „The Humanitarian“, für das sie mehr als 100 Artikel über fast alle erdenklichen Themen von angloamerikanische Beziehungen bis zur Gartengestaltung schrieb, und wurde 1892 vom National Equal Rights Committee noch einmal zur Präsidentschaftskandidatin in den USA gekürt. Zusammen mit Martin machte sie in der Londoner Gesellschaft das Radfahren populär und sorgte sich um ihre Zukunft: Ihrer Tochter Zula presste sie das Versprechen ab, nie zu heiraten. Damit sicherte sie sich deren Pflege bis zu ihrem Tod.
Martin, der 1897 starb, hinterließ Victoria (nach heutigem Wert) rund 15 Millionen Euro. Victoria kaufte sich ein Auto und fuhr damit im Hyde Park spazieren. Einem Nachbarn, der sie darauf hinwies, ein Auto zu fahren sei nicht damenhaft, erwiderte sie nur: „Mag sein.“ Weniger blasiert war König Edward VII., der seine erste Autofahrt als Gast Victorias auf ihrem Landgut erlebte.
Als Gutsherrin war Victoria sehr beliebt. Großzügig unterstützte sie die Gemeinde, richtete ein Landwirtschaftskolleg für Frauen ein, spendierte der Kirche eine Orgel, organisierte Lesungen, Theateraufführungen und Konzerte für die Landbevölkerung und veranstaltete jedes Jahr ein Weihnachtsessen für alle Dorfbewohner. Ihr Haus wurde Sitz des Ladies`Automobile Club, der International Peace Society und der Women`s Aerial League oft Great Britain. Während des 1. Weltkrieges mischte sie sich noch einmal in die Politik ein, hisste während des ganzen Krieges auf ihrem Haus die amerikanische Flagge, drängte den US-Kongress zum Handeln und unterstützte mit Spenden die Invasion der Alliierten. Eigenwillig blieb sie bis ins hohe Alter. Wer sie fragte, wie es ihr gehe, ihr „Auf Wiedersehen“ sagte oder einen „Guten Morgen“ wünschte, bekam zu hören, dass dies Floskeln seien, die nur Zeitverschwendung wären und daher unterbleiben sollten. Am 10. Juni 1927 starb Victoria Woodhull.
Sieben Jahre zuvor war endlich den amerikanischen Frauen das Wahlrecht gewährt worden. Victorias Anteil an dieser Errungenschaft war in der amerikanischen Frauenbewegung längst in Vergessenheit geraten. Bereits die von Stanton, Anthony und Gage 1882 herausgegebene dreibändige Geschichte der Frauenbewegung hatte Victoria nur mehr am Rande und in Fußnoten erwähnt. Frauenrechtlerinnen wie Stanton boykotierten Victoria, weil sie nicht an eine moralische Überlegenheit der Frauen glaubte und sich nicht ausschließlich um Frauenfragen kümmern wollte. In einem Brief denunzierte Susan Anthony Victoria gegenüber Feministinnen: „Wie es aussieht, ist sie völlig von männlichen Geistern besessen und dominiert.“ Victoria war tatsächlich keine klagende Feministin, kein Opfer des Patriarchats, sondern ein radikaler Mensch, der nüchtern festgestellt hat: „Frauen gebührt jedes Recht. Alles was sie tun müssen ist, es anzuwenden.“
 
© 2001 Karl Pawek
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