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a . Brauchen wir eine Zensur?

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Seit das Internet jedem, der sucht, Hunderttausende Bilder sexueller Organe und Aktivitäten anbietet, harmlose, aber auch schockierende, oft kostenlos und immer einfach per Mausklick zu bekommen, werden die Rufe nach einer Zensur wieder lauter. Da aber das Internet in einer demokratisch verfassten Informationsgesellschaft nur mit aberwitzigem Aufwand und daher praktisch nicht zu zensieren ist, wird die Forderung nach einer staatlichen Zensur zunächst unerfüllbar bleiben. Es droht daher die Gefahr, dass das noch viel größere Übel Selbstzensur zum Ersatz wird.

Der Kampf für und gegen Zensur ist so alt wie der Buchdruck. Selbstverständlich gab es auch vorher Versuche, die Verbreitung unerwünschter Informationen zu verhindern. Wer das Unpassende weitererzählte oder predigte, wurde, soweit es in der Macht der Herrschenden stand, zum Schweigen gebracht, eingekerkert, hingerichtet, nicht selten verbrannt. Ketzerverbrennungen waren im Zeitalter mündlicher Überlieferung auch Vorläufer der Bücherverbrennungen. Mit der Erfindung des Buchdrucks aber löste sich die Information vom Informanten, was die Kontrolle ungemein erschwerte. Oft blieb ein Autor unbekannt, konnte man ihn jedoch identifizieren und fassen, blieben die unerwünschten Informationen trotzdem erhalten, konnten in Verstecken überdauern. Also musste man, wollte man die Verbreitung unerwünschter Informationen unterbinden, ihrer materiellen Träger habhaft werden, anfangs nur der Bücher und Drucke, später auch der Fotos, Filme, Disketten. Kirchliche und staatliche Autoritäten erstellten Listen unerwünschter Titel; schien ihr Inhalt direkt herrschaftsgefährdend, wurden sie zumeist beim Händler oder Hersteller, gelegentlich auch beim Konsumenten beschlagnahmt und vernichtet. Bei minder gefährlichen Werken begnügte man sich damit, ihren Konsum unter Androhung postmortaler Strafen zu verbieten.

Die zunächst vor allem politische, später auch sexuelle Zensur wurde immer mit dem Schutz der Menschen vor Verwirrung, Aufruhr, sexueller Gefährdung begründet, auch wenn sie tatsächlich nur dem Schutz der herrschenden Ordnung diente. Ihr Motiv jedenfalls ist immer die Angst. Wer zensieren lässt, hat meist nur Angst vor der Wirklichkeit und Wahrheit, wer nach Zensur ruft, hat Angst vor sich selbst.

Je gesicherter Herrschaftsverhältnisse scheinen, desto geringer wird die Bedeutung der politischen, desto stärker die der sexuellen Zensur. Denn dient die eine der politischen Disziplinierung, bezweckt die andere die mentale Unterordnung. Während autoritäre Regime selbst auf die Gefahr des Untergangs hin bis heute Zensur ausüben, geben die westlichen Demokratien vor, auf sie zu verzichten. So enthält das Deutsche Grundgesetz nicht etwa ein Verbot der Zensur oder nur die Forderung nach Freiheit von Zensur, sondern die Feststellung: “Eine Zensur findet nicht statt.“ Die Einschränkung des Absatzes 2 freilich („Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“) macht die Feststellung zur Farce. Denn das zensurgewaltige Verbot, z. B. unsere nirgends definierte „freiheitlich demokratische Grundordnung“ in Frage zu stellen, unterscheidet sich prinzipiell nicht von früheren Geboten, bestehende Herrschaftsordnungen monarchischer, ständischer oder diktatorischer Verfassung zu bekämpfen. Schließlich sind Gesetze nicht objektive, zeitunabhängige Festlegungen, sondern ideologische Sicherungsinstrumente, die daher heute mit Strafe bedrohen (z. B. Päderastie), was vorgestern noch selbstverständlicher Brauch war und übermorgen vielleicht wieder sein wird. Ich bin sicher, dass die meisten Kinderfreunde/freundinnen, die heute jeden sexuellen Umgang mit Kindern bekämpfen und deren Zensur und Bestrafung fordern, die Behandlung der nordamerikanischen Indianer durch die Siedler und ihre Staatsorgane für verbrecherisch halten. Ich bin aber auch sicher, dass die gleichen Kinder- und Indianerfreunde/freundinnen diese Indianer, gäbe es sie noch, einkerkern ließen, denn bei vielen Stämmen war und ist üblich, was auch bei uns noch im 17. Jh. gebräuchlich war, nämlich die Masturbation von Kleinkindern durch Eltern oder Ammen, um sie zu beruhigen, zu erfreuen. Machmal ermöglichen nur Dummheit und Unwissenheit, ein so guter Mensch zu sein.

Selbstverständlich gibt es bei uns Zensur, wir merken es meistens nur nicht, denn - wie Peter Hacks feststellte: Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur. Medien sind scham- und charakterlos und käuflich. Als möglichst profitable Dienstleister regulieren sich ihre Inhalte über den Markt. Ihr Werbeaufkommen wie die Zahl der verkauften Exemplare sind nur das Ergebnis ihrer zensierenden Konformität.

Wo der Markt über den Erfolg entscheidet, wird Profitmaximierung zum selbstverständlichen Maßstab. Daher braucht der Kapitalismus - außer in Krisensituationen - keinen Zensor, weil er selbst ein Zensor ist, ein sich selbst zensierendes System. Alle noch so abnormen Nischen existieren nur als Nischenmärkte und dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere Freiheit nur in Fragen des Designs, nicht aber in denen der Funktion und ihrer Kritik grenzenlos ist. Über die Einhaltung dieses wirklichen Grundgesetzes wachen jene, die Werbeaufträge, Produktionsmittel etc. zu vergeben haben. Auch die Zensur hat sich im Kapitalismus ökonomisiert.

Da seit dem Untergang des Sozialismus die politische Zensur nicht mehr dringend ist, gewinnt unter dem Beifall vieler Bürger/innen die sexuelle an Bedeutung. Verführt durch die irrige Annahme, das Verbot einer Darstellung könnte die Ausführung des Dargestellten verhindern, erscheint vielen die Entmündigung durch Zensur erstrebenswert. Zwar gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis, dass mediale Gewalt oder Sexualität wirkliche Gewalt oder Sexualität auslösen kann (wer diesen Zusammenhang propagiert, liefert Tätern nur brauchbare Schutzbehauptungen). Zwar lässt sich nachweisen, dass in Gesellschaften mit restriktiver Gewalt- und Sexualmoral häufiger Gewaltverbrechen (auch mit sexueller Motivation) verkommen als in libertären Gesellschaften. Zwar ist die Verbrechensrate in Ländern und Epochen ohne Fernsehen und Bücher höher als in Ländern mit großem Medienkonsum. Zwar gab es im Mittelalter keine „Pornographie“, aber sehr wohl Gruppenvergewaltigungen als Abendsport, an denen sich - zumindest in den untersuchten französischen Städten - die Hälfte aller jungen Männer mindestens einmal beteiligt haben. Zwar kann eine latente Gewaltbereitschaft durch mediale Signale geweckt werden, die jedoch immer noch Anstoß, nicht Ursache sein können, aber entscheidend ist nicht die Stärke des Signals, sondern deren Relation zum Zeitgeist. In Zeiten repressiver Moral kann der Anblick eines weiblichen Fußgelenks heftiger wirken als der Anblick einer Nackten in libertären Zeiten. Ältere erinnern sich vielleicht noch, dass ein Filmkuss in den 50er Jahren mindestens so erotisierend war wie eine der heute üblichen Leinwandkopulationen. Das Gerede von der medialen Ursache der Gewalt ist Unfug und nur erklärbar aus der Sehnsucht nach simplen Lösungen komplexer Probleme, aber die Hilflosigkeit schreit nach Zensur.

Wenn eine solche Zensur wie im Internet technisch gar nicht möglich und doch erwünscht ist auch von den Medienproduzenten, da sie mit weniger subversiven Sexualdarstellungen längerfristig sicherere Gewinne haben, bleibt nur die Selbstzensur im Angebot. Sexual und political correctness sind ein Teil der Kampagne, die den Verzicht auf „Pornographie“ durch Einsicht erzwingen will. Noch konzentriert sich die Ächtung auf Menschen, die sexuellen Umgang mit Kindern (gehabt) haben (sollen). Für sie gilt kein Schutz der persönlichen Ehre mehr, sie werden vor die Öffentlichkeit gezerrt, viele flüchteten in den Selbstmord. Gleichzeitig wird - die dummer Ergänzung des Schutzes der Kinder durch den Schutz der anderen unverantwortlichen Gruppe, der Frauen, ist noch längst nicht überwunden - der Umgang mit dem Frauenkörper immer restriktiver gehandhabt. Die engere Grenzziehung entspricht zwar nicht dem Interesse vieler Frauen, die an einem Männerstrip kaum weniger Spaß haben als Männer am verpönten Frauenstrip, doch liegt die Repression, die immer Verzicht erzwingt, im Interesse des bewahrend Kapitalismus, wie sie im Interesse des entstehenden gelegen hat. Seine Globalisierung bewirkt die Heimholung des Elends aus der ehemals dritten in unsere Welt. Und mit dem Elend wird die Repression wachsen. Wo keine Arbeitsplätze mehr geschaffen werden können, hilft nur der diszipliniert ertragene Sozialabbau.

So wird das Internet, gerade weil es die staatliche Zensur überwindet, zum Quell der Selbstzensur. Die Nutzer selbst werden dafür sorgen, dass ihnen alles, was sie oder auch nur ihr Geschlechtsorgan bewegen könnte, vorenthalten wird. Die menschliche Dummheit erreicht damit einen neuen Höhepunkt und das Zensurverbot von Brechts Kälbermarsch ist, falls er nicht schon vergessen wurde, nur eine Frage der Zeit.
© 1999 Karl Pawek
pawek@web.de

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