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a . Die kurze Geschichte der Zukunft 

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Die bange Frage, was wohl die Zukunft bringen mag, bedrängt viele Erwachsene. Während Kinder – oft zum Leidwesen ihrer Erzieher – die Zukunft wenig kümmert, weil sie ihnen viel versprechend scheint, verderben mit zunehmendem Alter oft Erfahrungen die erwartungsvolle Freude auf das, was kommt. Für gewöhnlich hilft sich der erwachsene Mensch über die Ungewissheit hinweg mit der verdrängenden Annahme, die Zukunft werde schon nicht viel anders sein, als die Vergangenheit war. Die scheinbare Gleichförmigkeit des Zeitflusses (1986, 1987, 1988 ...) unterstützt diese Verdrängung, allein Wechsel in der Hunderter- oder gar Tausenderstelle können irritieren.

Obwohl das Datum 31.12.1999 eine willkürlich gesetzte und nur regional gültige Zäsur ist, zwingt die Magie der Zahl 2000 die Zukunft ins Bewusstsein der Abergläubischen. Die Ungewissheit nagt am (Selbst-)vertrauen, Ängste nutzen die Irritation und lassen Zukunft wieder einmal als Bedrohung erscheinen, machen sie zum Popanz.

Dabei ist unsere Zukunftsvorstellung noch sehr jung und entsprechend unausgegoren. Selbstverständlich kannten schon die Menschen im Altertum ein Morgen, aber ihr Verständnis von Zukunft unterschied sich gründlich von unserem. Jahrtausende lang wurde das Leben als Kreislauf empfunden. Wie die Sonne immer wieder auf- und untergeht und die Jahreszeiten in immer gleicher Abfolge wechseln, kommen Menschen auf die Welt, leben auf ihr und verlassen sie. (Allein der Mond und außergewöhnliche Naturkatastrophen stören bis heute die Periodizität, wirken immer noch verstörend. Wie unsicher müssen sich erst unsere assyrischen Vorfahren gefühlt haben. Sie wussten noch nicht einmal, ob und wann der dauernd seine Gestalt wechselnde Mond wiederkommt. Priesterliche Himmelsbeobachter mussten daher dem König von Fall zu Fall informieren, sobald sie einen Neumond gesichtet hatten. Und gewaltige Naturkatastrophen wie die Sintflut prägten sich unauslöschlich tief in das Bewusstsein der Menschheit ein, weil sie als Schock die Gleichförmigkeit des Lebensverlaufs unterbrachen.)

Uns, die wir mit Revolutionen und Bausparverträgen oft mehr im Morgen denn Heute leben, fällt es sehr schwer, unsere Vorfahren wirklich zu verstehen und sie nicht nur  aus unserem Verständnis heraus zu interpretieren. Die Zukunft jedenfalls, also das, was auf sie zukommen sollte, war für sie kein Thema, denn es war nur das, was auch gewesen war. Die einzige Ausnahme bildete der Tod. Zwar nahm man der Einfachheit und Kontinuität wegen lange an, die Verstorbenen würden irgendwo weiterleben wie auf der Erde, weshalb man ihnen die für das Überleben notwendige Nahrung, Kleidung, Waffen und Visitenkarten (in Form von statusgerechten Accessoires) mitgab, bis die Vorstellung einer Wiedergeburt bzw. eines materiellen oder spirituellen Lebens im Jenseits die Vergeudung kostbarer Wegzehrung, die man von nun an beim Leichenschmaus lieber selbst aß, unnötig machte.

Nur wer glaubt oder weiß hat Zukunft, alle anderen erwartet nur ihr Schicksal, das es zu beschwören gilt – heute noch in Geburtstagswünschen oder Neujahrsgrüßen. Scheinbar zukunftsbezogene Rituale, magische Bilder sollten nicht, wie wir gerne annehmen, Jagdglück oder reiche Ernte in der Zukunft gewährleisten, sondern immer jetzt und heute wirken. Es gab keine Vorsorgemagie, wohl auch keine Vorratsproduktion. Wenn William F. Allman meint, schon vor einer Million Jahren hätten Hominiden die Zukunft erfunden, als sie Steinbrocken über 12 Kilometer an ihren Wohnplatz schleppten, um sie später als Fleischmesser zu benutzen, offenbart die Behauptung nur eine moderne Fehlinterpretation. Die vermeintliche Planung war simple Reaktion. An ihren für Ernährung und Sicherheit günstig gelegenen Wohnplätzen gab es manchmal kein natürliches Werkzeug. Also holten sie es sich von der nächsten ihnen bekannten Fundstelle, so oft sie neues brauchten. Die Halden benutzter Steinmesser an Wohnplätzen mag an Vorratshaltung denken lassen, obwohl es sich nur, wie der Zustand des Materials beweist, um Müllhalden gehandelt hat. Man flehte auch nicht zum Regengott, damit die Ernte irgendwann gedeihen würde, sondern weil man im Augenblick Regen brauchte. Niemand ging zum Medizinmann, um auch morgen gesund zu sein, sondern um von einer gegenwärtigen Krankheit geheilt zu werden, weil sie schmerzhaft oder hinderlich war. Und im Mittelalter wusste man zwar schon ganz gut, wie viel Baumaterial und wie viele Arbeitskräfte zum Bau eines Domes notwendig waren, aber man plante nicht die Zukunft, ja scherte sich nicht einmal um sie, sondern fing einfach mit dem Bau an. Hätten die Bauherren und Baumeister auch nur beiläufig an die Baukosten, an die Unwägbarkeiten der erfahrungsgemäß kriegerischen, hunger- und epidemieverseuchten Zukunft gedacht, wäre kaum einer der gewaltigen, oft in jahrhundertelangen Zeiträumen errichteten Dome gebaut worden.

Für Menschen in stationären Kulturen unterschied und unterscheidet sich noch heute die Zukunft kaum von der Vergangenheit. Die technologischen, ökonomischen, ideologischen Neuerungen waren über Jahrtausende so gering und selten, dass Unterschiede zwischen Morgen und Gestern nur temporär und oberflächlich erschienen. Sogar noch die Römer hielten ihre Hauptstadt für ewig (und die Nazis ihr Reich immerhin noch für tausendjährig), weil sie sich Zukunft nur als Kontinuität vorstellen konnten. Die Menschen trafen daher auch keine Zukunftsentscheidungen, sondern reagierten auf Geschehnisse. Gelegentlich schien es ihnen notwendig, in den Krieg zu ziehen, aber sie taten es nicht, um eine Ordnung zu stürzen, sondern nur, um sich zu bereichern oder ihren Reichtum zu schützen. Mag auch der Ausgang der Schlacht ungewiss gewesen sein ( was Magier unverzichtbar machte), änderte er doch wenig am Leben der meisten Menschen.

Ihre Zukunft war vorbestimmt auch noch im Christentum, das den ewigen Kreislauf durch einen linearen Verlauf hin zur Auferstehung und ewigem Leben (oder Leiden) ersetzte, wobei das Erdenleben vielen Gläubigen als so hoffnungslos erbärmlich erschien, dass sie das Ende und damit die Erlösung als einzige positive Zukunftsperspektive herbeisehnten. Denn Zukunft als ein Novum war allein als Fortleben im Jenseits denkbar. Nur sehr langsam eröffneten die Wissenschaften unseren Vorfahren eine Ahnung diesseitiger, weltlicher Zukunft. Vorläufer waren die Astrologen, deren atheistischen Vertreter es schon im 12. Jh. wagten, sogar dem Christentum das Horoskop zu stellen und damit die Unveränderlichkeit als Determinante einer ewig gleichen „Zukunft“ anzuzweifeln. Philosophisch bereitete Joachim von Fiori mit seiner Lehre von den „drei Reichen“ die Säkularisierung der Zukunft vor. Nach dem vormaligen Zeitalter des Gesetzes (Vater) und dem gegenwärtigen der Gnade (Sohn) werde ein künftiges Zeitalter der Liebe (Heiliger Geist) anbrechen, das auf der brüderlichen Solidarität und dem gemeinsamen Eigentum gegründet sei. Diese 1215 gleich nach Fioris Tod verurteilte Lehre denkt erstmals die christliche Heilsgeschichte als realen Geschichtsprozess. Allem klerikalen Widerstand zum Trotz wird vom 13. Jh. an immer häufiger die Geschichtsphilosophie der Spiritualen in Naturwissenschaft transformiert (Friedrich Heer). Aber es dauerte noch vier Jahrhunderte (auch dies damals ein unbekanntes, zumindest ungebräuchliches Zeitmaß und als chronologische Einheit erst im 16. Jh. erfunden), bis eine Erlösung aus dem Kreislauf der Zeit nicht mehr nur religiös, sondern auch sozial, politisch und technologisch denkbar wurde. Naturforscher wie Leonardo da Vinci und Galilei, die weniger der Spekulation als praktischen Experimenten vertrauten, schufen die Grundlagen eines neuen Denkens, das es Francis Bacon um 1600 ermöglichte, eine erste Theorie des Fortschritts in Wissenschaft und Technik zu entwickeln, die sich an einer Linearität kontinuierlicher Produktions- und Kapitalbildungsprozesse orientierte. An Stelle der als fortschrittsfeindlich erkannten Kreislauftheorie und religiöser Heilslehren propagierte er Verfahrensweisen, wie wissenschaftlicher Fortschritt dem Zufall enthoben und bewusst geplant werden könne zum Wohle des Menschengeschlechts. Mit Bacon und seiner rationalen und entsprechend abfällig charakterisierten „Philosophie für Schuster“ bekam die Zukunft einen neuen Sinn.

Aber immer noch nicht entsprach dieser moderne Zukunftsbegriff unseren heutigen  Vorstellungen. Kannten noch die Germanen (wie heute afrikanische oder ozeanische Stämme) kein Futurum als Formklasse des Verbs und mussten daher zukünftiges im Präsens mit angehängter Zeitangabe ausdrücken („Ich gehe morgen...“ statt „Ich werde morgen gehen ....“), beschränkte sich die Bedeutung des Wortes Zukunft bis ins 17. Jh. auf „Herankunft“, „Ankunft“ im räumlichen Sinn. Sogar noch Goethe dichtete:
„Denn Geisterstimmen, wie aus tiefen Klüften,
vernehm´ ich nah und näher in den Lüften,
verhängnisvolle Wundertöne,
die mir der Parzen nahe Zukunft deuten.“
Eine Fehlinterpretation ist ausgeschlossen, wenn man weiß, dass in der ersten Druckfassung dieses Textes an Stelle von „Zukunft“ „Ankunft“ steht. Und der Schweizer Geschichtsschreiber Johannes Stumpf wollte im 16. Jh. keine düstere Prophezeiung über noch ferne Zeiten abgeben als er schrieb: "Die Teutschen sind Bären mit Vernunft, drum fröw (freue) sich keiner ir zukunfft.“, sondern nur vor einem gerade wieder einmal drohenden Einmarsch deutscher Landsknechte warnen.

Doch größer noch als die semantischen Unterschiede waren die mentalen. Zum einen schien die Vergangenheit der Menschheit sehr kurz, sie umfasste damals gerade ein paar tausend Jahre. Entsprechend kürzer schien auch die Zukunft (und scheint sie noch heute z. B. Tierschützern: Obwohl auch sie annehmen dürften, dass die Erde noch Milliarden Jahre bestehen wird, sorgen sie sich um das Aussterben z. B. des Tigers.) Zum anderen erwiesen sich die Verhältnisse immer noch als recht statisch.  So war es fast unmöglich, im Mittelalter seinen Stand zu wechseln, und bis zur französischen Revolution konnte, wer als Adeliger geboren worden war, relativ sicher sein, Adeliger zu bleiben, wie bei uns bis in die 70er Jahre und in vielen Ländern noch heute ein abgeschlossenes Hochschulstudium in der Regel ein sicheres Auskommen garantiert(e).

Je unbedeutender und damit instabiler die Erde wurde durch die Erforschung des Kosmos, je mehr Entwicklungsgeschichte der Menschheit durch Archäologen und Altertumsforscher bewusst gemacht wurde, je komplexer und damit interdependenter die Materie wurde in der Erkenntnis der Naturwissenschaftler, desto ungewisser musste den Menschen die Zukunft erscheinen. Denn Wissen und Mobilität setzen Phantasie frei, Halbwissen und Vermutungen erst recht. Wie Kinder ab einer bestimmten Entwicklungsstufe Angst empfinden, weil sie sich Möglichkeiten ausdenken, Vorgänge (miss-)interpretieren können, begannen die Menschen in einer vergleichbar frühen (wenn auch gerade erst begonnen) Entwicklungsphase, sich eine diesseitige Zukunft auszumalen. Die Renaissance, dieses „Zeitalter von anarchischer Geistesverfassung, das nichts mehr glaubte und noch nichts wusste“ (Friedell), war Nährboden neuer Ängste, während der entstehende Kapitalismus mit seiner im Unterschied zum Feudalismus notwendigen Zukunftsplanung neue Möglichkeiten freisetzte. Nur waren die frühen Utopien des 16. und 17. Jahrhunderts wie „U-Topia“, „Gargantua“ oder die „Civitas Solis“ zwar Alternativentwürfe, die Defizite beklagten, aber noch keineswegs Zukunftsversprechen. Erst im 19. Jahrhundert gelang allen voran Karl Marx der Schritt von der Kritik des Bestehenden zur Entwicklung diesseitiger und dennoch realisierbar scheinender Perspektiven eines, wie es damals hieß, „Zukunftstaates“, der freilich immer noch von traditioneller Endzeitlichkeit geprägt war. Heute wissen wir, dass Marx´s wissenschaftlich fundierter Versuch, einer neuen Gesellschaftsordnung zum Durchbruch zu verhelfen, zu früh kam. Der Sozialismus verkam zum autoritären Verwaltungsapparat, dem auch Fünfjahrespläne, diese ersten längerfristigen ökonomischen Zielvorgaben in der Geschichte der Menschheit, nicht vor seinem (vorläufigen) Scheitern bewahren konnten. Verantwortlich dafür waren aber nicht nur ideologische Fehleinschätzungen und historische Bedingungen. Das wissenschaftliche Experiment Sozialismus musste auch scheitern, weil es nicht wissenschaftlich genug war.

Zukunftssteuerung setzt Wissen und Kenntnisse über Zusammenhänge voraus, wie wir sie noch nicht besitzen. Unsere Gesellschaftsmodelle sind noch viel zu simpel, um nicht früher oder später in unauflösbare Widersprüche zu den Bedingungen einer sich unabhängig vom menschlichen Wollen entwickelnden Wirklichkeit zu geraten. Die Zukunft ist und bleibt auf absehbare Zeit eine Möglichkeit, die wir nutzen, aber nicht beherrschen können, auch nicht mit Hilfe der Futurologie. In den USA, wo die Zukunft nach Meinung Flechtheims erst in den 50er Jahren entdeckt wurde, erwies sich die Futurologie nach anfänglicher Euphorie bald als unzulängliches Frühwarnsystem. Wirklich relevante Veränderungsprozesse bekam sie nicht in den Griff, sich abzeichnende Modifikationen nur unzureichend. Das Problem liegt abgesehen vom Mangel an Wissen im menschlichen Denken begründet. Unsere Phantasie ist ein Produkt unserer Erfahrung, also unserer Vergangenheit. Wir können zwar Entwicklungen prolongieren, aber kaum unerlebte Verhältnisse denken. Einfache Prolongationen hin zu einem Mehr, Schneller, Größer etc. münden, wie jeder Science-Fiction-Leser weiß, im Albtraum. Nach einer kurzen Zeit naiven technologiebegeisterten Überschwangs, in der fast alles möglich und machbar schien, gewannen daher Horrorszenarien einer automatisierten, manipulierten, funktionalen Welt die Oberhand. Wie einst der Buchdruck oder die Dampfmaschine wirken heute elektronische Medien oder Atomreaktoren auf viele Menschen bedrohlich. Dabei wurde und wird schlicht übersehen, dass jede technologische, ökonomische oder auch nur organisatorische Veränderung unseres Seins auch unser Bewusstsein verändert, allerdings geschieht dies mit einer beträchtlichen, der Fortschrittsgeschwindigkeit kaum mehr entsprechenden Verzögerung. Diese wachsende Ungleichzeitigkeit von Können und Begreifen erzeugt Angst. Veränderung, eigentlich eine Hoffnung, wird zur Bedrohung, und dies um so mehr, je satter, zufriedener wir sind. Unser Bewusstsein, die einzige Eigenschaft, die uns – manche meinen: noch – von der Materie unterscheidet, zeigt Konstruktionsmängel, wie sie in der alles probierenden Natur häufig vorkommen.

Tiere, die sehr wohl aus der Vergangenheit lernen können, kennen keine Zukunft. Vögel bauen keine Nester, um ihre Brut zu schützen und zu erziehen, sondern weil Impulse und Hormone sie dazu zwingen. Die Natur allgemein, also die Materie kennt keine Zukunft, nur Bewegung, denn Natur ist nur „eine kontinuierliche Sequenz von Veränderungen in den Konfigurationen von Energie/Materie“ (Elias). (In dieser Tatsache liegt das traurige Schicksal aller Konservativen begründet, seien sie nun grün, rot, braun oder schwarz: Ihr Bewahrungsdrang ist widernatürlich und daher letztlich zum Scheitern verurteilt.) Zukunft entsteht nur im menschlichen Bewusstsein und ist daher ein treffender Ausdruck seines Entwicklungsstandes wie auch seiner momentanen Verfassung.

Zur Zeit scheinen wir Angehörige der westlichen Industriegesellschaft wenig Zukunft zu haben, soll doch gar schon das Ende der Geschichte erreicht sein. Sogar Jugendliche, deren Sorglosigkeit vor kurzem noch sprichwörtlich war, verstehen unter Gestaltung ihrer Zukunft kaum mehr als das Bemühen, das Schlimmste zu verhindern.

Die gegenwärtigen Zukunftsängste sind begründet und dennoch maßlos. Die sich beschleunigende Zunahme menschlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten schafft zwangsläufig immer mehr ungelöste und unlösbar scheinende Probleme. Galt die Erde frühen Kapitalisten wie Sozialisten als relativ freier Entfaltungsraum für menschliches Handeln, fürchten heute viele Bürger, die Entwicklung könnte der Steuerung durch den Menschen entgleiten. Sie fühlen sich, worin gewiss ein bedeutender Entwicklungsschritt zu sehen ist, nicht mehr als Eroberer einer Zukunft, sondern für diese Zukunft verantwortlich.
Doch ganz abgesehen davon, dass diese menschliche Steuerung von Entwicklungen zum Glück noch nie funktioniert hat (oder wollen Sie immer noch in einer griechischen Sklavenhaltergesellschaft, im Kirchenstaat, Absolutismus oder Faschismus leben, alles Gesellschaften, die nur zu gerne ihren ewigen Bestand gesichert hätten?), beruhen die ökologischen Zukunftsängste der Menschen auf einer maßlosen Selbstüberschätzung seines zerstörerischen Potentials. Klimaschwankungen in einem uns kaum vorstellbaren Ausmaß gab es schon vor der Erfindung des Automobils oder Kühlschranks, und schon lange vor der Entstehung des Menschen sind unzählige Tierarten ausgestorben. Mag es auch zutreffen, dass Menschen viel Unsinn anrichten können, so ist es doch der größte Unsinn, dies vermeiden zu wollen. Denn die Natur duldet keinen Voluntarismus. Natur ist ein Prozess, kein Zustand. Wer in ihn fürsorglich eingreift, ihn stabilisieren will, löst wie der unbedachte Nutznießer nur Kettenreaktionen aus, von denen wir zur Zeit nur eines wissen: Sie werden nicht so ablaufen, wie es sich die Eingreifenden, seien sie nun gut oder böse, vorstellen können.

Die Ursachen der lähmenden Zukunftslosigkeit dürften aber nicht nur im Halbwissen, sondern auch im Verlust des Glaubens und im Individualismus zu suchen sein. Glaube gaukelt Sinn vor. Wer glaubt, glaubt auch zu wissen, warum und wozu er lebt, Erlösung oder Verdammnis sind ihm ganz konkrete Perspektiven, die auf Dauer auch nicht durch Kartenlegen oder Esoterik ersetzt werden können. Aber ein Mensch hat nicht nur um so weniger Zukunft, je weniger er glaubt, ein vielleicht noch größerer Zukunftsfresser ist der Individualismus. Egozentrik vermag nur Kurzzeitperspektiven zu liefern, das maßlose Kümmern um das eigene Wohl entsozialisiert, macht einsam und perspektivlos, schließlich krank, aber auch gefährlich empfänglich für reaktionäre Sinngebung, wie eine Soziologie des Nationalsozialismus unschwer aufzeigen kann. Hitler und die Nationalsozialisten haben eben nicht die Macht in Deutschland an sich gerissen, sondern wurden von der Mehrheit der Bevölkerung heiß ersehnt, weil sie Zukunft versprachen.

Trotzdem ist die Diagnose nicht so hoffnungslos, wie sie scheint, denn die – durch die angebliche Jahrtausendwende noch verstärkte – Zukunftskrise ist nur ein Übergangsphänomen. Wissen und Vernunft haben, wie jeder aus seiner eigenen Entwicklung erinnern kann, nur in ihrer frühen Entstehungsphase die unangenehme Eigenschaft, Menschen bis zur Hilflosigkeit zu verunsichern. Solange das Vertraute nicht mehr gewährleistet, das Wissen um Ursachen und Zusammenhänge aber noch unbeholfen ist, wüten Ängste und Irrtümer. Vernunft und Einsicht aber, an denen es Einzelnen bis zum Lebensende mangeln kann, werden sich in der Menschheitsgeschichte durchsetzen. (All die larmoyanten, ignoranten Misanthropen werden wir hoffentlich eines Tages in das erste Jahrtausend vor oder nach Beginn unserer Zeitrechnung zurückbeamen können, damit sie gewiss schmerzlich eines Besseren belehrt werden.) Dieser mentale und intellektuelle Fortschrittsglaube nährt sich nicht aus der naiven Annahme eines letztlich überwiegenden Gutmenschentums, sondern aus der nachweisbaren Erkenntnis, dass Wissen, Vernunft und Sozialverträglichkeit dem Handeln dummer Egozentriker überlegen sind. Die Emanzipation von religiösem Glauben und ideologischen Normen geht nicht ohne Irritationen, Irrwege ab, doch Bescheidenheit auf höherem Wissensniveau (nicht zu verwechseln mit der zeitgeistigen Anmaßung umweltverträglicher Sparsamkeit) und Sozietät unter Gleichwertigen (was nichts mit dem gegenwärtigen Natur- und Gesundheitsschutzkonformismus zu tun hat) werden sich durchsetzen und den Menschen wieder mehr Zukunft ermöglichen. Dieses Mehr an Zukunft wird freilich nicht in einem noch längeren Vegetieren oder der Erfüllung anderer Spießerträume bestehen, sondern in der den Tod des Einzelnen überdauernden Leistung für die Gemeinschaft.
© 1999 Karl Pawek
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