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Sowjetische Plakate 1917 - 1930

Acht Jahre war ich alt, als ich auf dem Heimweg von der Volksschule die Schlagzeile des „Kuriers“ entzifferte: „Stalin tot“. Während Klügere weinten, stürmte ich nach Hause, und noch in der Eingangstüre rief ich aufgeregt triumphierend meiner mit dem Essen auf mich wartenden Großmutter zu: „Der Teufel ist tot!“

Vom Sozialismus hatte ich damals keine Ahnung, wieso also, fragte ich mich später, konnte ich glauben, dass Stalin der Teufel sei? Kinderglaube entsteht aus Einflüsterungen, aus beiläufig Aufgeschnapptem, unverstandenen Ängsten und hat mit Erfahrung, gar Wissen nichts zu tun. Wäre ich so blöd und gläubig geblieben, wie ich damals war, hätte ich es gewiss zu etwas gebracht, zum Leitartikler oder gar zum Chefredakteur. Statt dessen belästige ich die Wenigen, die gewollt oder zufällig meine Website besuchen, mit politischen Propagandaplakaten aus der frühen Sowjetunion. 

Dabei scheint doch nichts toter als der Sozialismus. Seine Zeugnisse wirken für die meisten Betrachter nur noch lächerlich. Die Garben stemmende Bäuerin, der posierende Schmied, das dralle Fahnenträgerpaar – er schreitet unbeirrt voran, ihr Köpfchen, nicht breiter als der Unterschenkel, blickt zurück – können bestenfalls noch als Politkitsch ein abfälliges Grinsen provozieren bei jenen, die von Geschichte keine Ahnung haben. (Denn bei aller Unzulänglichkeit der Darstellung: Das Menschenbild auf diesen Plakaten war revolutionär.) Allein die Radikalität einiger späterer Plakate kann noch verstören in ihrer Maßlosigkeit: Der Klassenfeind wird einfach hinweggefegt, der Söldner des Kapitals gedemütigt, der Gegner diffamiert, und der leninsche Fackelträger von 1930 will Brandstifter sein. Unsere politischen Grünschnäbel müssen das abstoßend finden. Politisch korrekt war die Oktoberrevolution gewiss nicht.

Eigenartig freilich ist, dass die gegenwärtige Sensibilisierung gegenüber Politkitsch und Gewalt, die Missbilligung jeder Radikalität doch sehr partiell ist. Dabei bleibt die Radikalität des Kapitalismus, seine Brutalität nicht nur gegenüber jedem, der sich ihm entgegenstellt, sondern auch gegen jene, die ihm nur nicht nützen, unbemerkt. Vollständig entpolitisiert halten die meisten Nachgeborenen Ausbeutung für Schicksal, Betrug für eine Wirtschaftsordnung, die um so besser erscheint, je mehr man partizipieren darf. Im Verdrängen kapitalistischer Gewalt verkommt sogar die Sorge um die Menschenrechte zum Geschwafel. Auch wenn die Durchsetzung des Sozialismus zahlreiche Opfer kostete, war er weit weniger gewalttätig und nie so zynisch wie der Kapitalismus, der, weil es profitabel sein könnte, den Internetanschluss aller Armenhäuser dieser Welt propagiert, während deren Bewohner mangels Wasser und Nahrung massenhaft krepieren. 

Das vorläufige Ende des Sozialismus war nicht nur in den sozialistischen Ländern der Beginn einer erneuten, nicht mehr für möglich gehaltenen Verelendung (s. Unesco-Berichte), auch in den Hinterhöfen und Gesinderäumen der kapitalistischen Hochburgen werden, wie sogar regierungsamtliche Statistiken belegen, die Armen wieder ärmer. Noch stehen hierzulande die psychische Verelendung der Arbeitsplatzkonkurrenten, die immer extremer werdende Selbstausbeutung vermeintlich Selbständiger und eine nicht zuletzt daraus resultierende Entsozialisierung im Vordergrund, doch der von allen Kleinaktionären geteilte Wahnsinn der Profitmaximierung wird auch in unseren Breiten die psychische zur ökonomischen Katastrophe erweitern. Sogar bürgerliche Soziologen wie Ulrich Beck ahnen die Alternative „Freiheit oder Kapitalismus“. (Der Titel freilich ist schon das Beste in diesem Suhrkampbuch.) Unabhängigere Denker aber werden sich irgendwann wieder an Marx, Engels und Luxemburg erinnern und die wahre Alternative benennen: „Sozialismus oder Barbarei“.

Der Kapitalismus jedenfalls dauert mit Sicherheit nicht bis zum Ende der Menschengeschichte, und ob der ihm folgende Sozialismus, dessen Tod man nicht so oft beschwören müsste, wäre er wirklich tot, zukunftsmächtiger sein wird als der erste Versuch, werden früh schon seine Plakate (bzw. Clips, Messages o. ä.) erkennen lassen.

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. pawek@web.de karl.pawek@planet-interkom.de